Die fehlende Lebensqualität von Chemnitz ist seit Jahren der Ausgangspunkt für das Verlassen der Stadt, die zu dem ohnehin omnipräsenten Arbeitsmarktproblem erschwerend hinzutritt.

Uns soll es im Folgenden darum gehen, zu zeigen, wie verschiedene kommunale Institutionen im Angesicht dieses Tatsachen ihren eigenen Ansprüchen, partizipativ und bedürfnisorientiert zu agieren, zuwider handeln. Dieser Selbstanspruch, der sich aus dem Paradigmenwechsel von der wachsenden zur schrumpfenden Stadt hin ergibt, soll gerade den zivilgesellschaftlichen Kräften entgegenkommen, die der drohenden Versteppung der Orte Konzepte zur Belebung entgegensetzen. Diesem inhaltlichen Konsens zwischen kommunalen Institutionen und unabhängigen Akteuren steht eine Praxis entgegen, die dadurch kritikwürdig ist, da sie nicht nur nicht passiv hinnimmt (was im Falle der schrumpfenden Stadt zumindest angemessen wäre), sondern geradezu hemmend eingreift.

Das Problemgefüge der Stadt Chemnitz setzt sich in diesem Sinne aus den Faktoren der allgemeinen Schrumpfung zusammen, aber auch aus der fast schon überhistorisch erscheinenden Unbeliebtheit der Stadt, die komplexe Ursachen hat. Der daraus entwachsende Überhang an Infrastruktur, wie Fabrik- und Wohngebäude und später Freiflächen, wird leider bisher als Beschleuniger der Negativspirale („Schandfleck“) identifiziert, als Standortproblem.

Die Stadt ist damit einem doppelten Anachronismus ausgeliefert: Ihr bis vor zwanzig Jahren erfolgreicher Zuschnitt auf reine Reproduktion (Arbeit und materielle Bedürfnisbefriedigung) ist nicht mehr zeitgemäß. Der verwegene Glamour, den eine moderne Großstadt zu bieten hat, und der nicht erst seit gestern als Standortvorteil erkannt wird, fällt in Chemnitz total aus. Andererseits werden die neuen potentiellen Kristallisationspunkte der urbanen Abenteuer (ebendiese Häuser und Fabriken) vorschnell oder doch zumindest nicht planvoll abgerissen oder einer illusorischen Verwertung zugeführt (Sanierung ohne Mietinteressenten), während in anderen inspirierende Nachnutzungsprojekte vorangetrieben werden. Die fehlende Modernität der Stadt zeigt sich in den Fehlbewertungen und konservativen Verweigerungen gegenüber den modernen Häutungen der kapitalistischen Stadt. Sie hat den Schuss nicht gehört.

Es ist anzunehmen, dass in prosperierenden Großstädten eine härtere Gangart hinsichtlich der Privatisierung des öffentlichen Raums und eventuell aufbegehrender Jugendlicher, die Häuser wollen, angeschlagen wird. Chemnitz ist jedoch im Sinne seines eigenen Niedergangs darauf verpflichtet, auf diese kreativen Minderheiten Rücksicht zu nehmen. Die Stadt muss, auch wenn dies unter versachlichten Strukturen absurd scheint, unter den Bedingungen der Schrumpfung zunehmend auf die Bedürfnisse ihrer Bürgerschaft eingehen. Sie kann, anders als Münster oder Nürnberg, nicht auf die eine Handvoll verbliebener aktivistischer Wirrköpfe (KünstlerInnen, LiteratInnen, RaumpionierInnen) verzichten.

Das Erfolgsmodell Chemnitz, das in Imagebroschüren und missverständlichen Durchhalteparolen wie „Stadt der Moderne“ seinen Ausdruck findet, können wir nur selten erkennen. Wie mittlerweile auch die überregionale Presse wahrgenommen hat, ist Chemnitz nicht mehr nur die aufstrebende Kultur- und Industriestadt der Jahrtausendwende, sondern immer mehr das Beispiel für „schlechten“ Stadtumbau und fehlende Partizipation der Bevölkerung.1 In diesem Sinne stellt sich immer wieder die Frage: Was fehlt der Stadt?

Der Brühl

Diese Gedanken mögen eine Rolle gespielt haben, als vor vier Jahren das Projekt der Wiederbelebung des Brühls aufkam. Die Idee eines weitgehend deregulierten Jugendviertels mit den entsprechenden Freiheiten, kam jedoch alsbald ins Stocken. Zwar wurden eine Handvoll „Szeneläden“ auf dem Brühl angesiedelt, doch kamen dem keine „SzenebewohnerInnen“ nach. Als dann ein großer Teil des Ensembles an einen Altenheimbetreiber verkauft wurde, schien es nahe liegend, dass allzu konträre Lebensentwürfe zu unüberwindbaren Konflikten führen würden. Das Ausbleiben eines politischen Beschlusses über die „Freischaltung“ des Brühls als Viertel mit erhöhten, jugendgemäßen, Lärmpegel usw., tat schliesslich sein übriges.

Seit diesem Jahr gibt es wieder ein Engagement für den Brühl, was vom Verein „Experimentelles Karree“ begrüßt wird. Entgegen der kleinmütigen, bescheidenen Selbstlimitierung auf „Eins von Beiden“, kann es für die Stadt Chemnitz auch für ihre Außenwirkung nur dienlich sein, das zuzulassen, was gewollt, also mit realen Bedürfnissen unterlegt ist. Das damalige Scheitern geht nicht auf ein Ausbleiben von InteressentInnen zurück, sondern auf die Organisation des Vorhabens. Positiv ausgedrückt: Das kommunale Wohnungsunternehmen wurde mit dem Projekt politisch alleingelassen. Nochmals darf die damals verausgabte jugendliche Energie der beteiligten AkteurInnen nicht verschwendet werden, denn dann ist schon rein von der demographischen Situation her keine Wiederbelebung der Stadt mehr möglich.

Die Universität

Von integraler Wichtigkeit für jedes urbane Vorhaben in der Stadt sind die 10 000 Studierenden der TU Chemnitz. Diese zu aktivieren und von ihrem Campus „herunter“ zu holen wurde in den letzten Jahren bereits öfter versucht bzw. der Versuch wurde angesprochen. Das Lamento: die Studierenden sind nur drei Tage in der Woche anwesend, wohnen ansonsten bei ihren Eltern im Erzgebirge und sind extrem mobil, was heißen soll: sind immer weg.

Anstatt sich jedoch ständig das magelnde studentische Präsenz zu beklagen, sollte klar sein, dass es ein Problem der Aktivierung, der fehlenden Anknüpfungspunkte und Identfikationsorte gibt. Rufen wir uns Eines ins Gedächtnis: zehn Prozent der Chemnitzer Jugendlichen und Studierenden bevorzugen „experimentelle Wohnformen“2, finden diese aber nicht vor und gehen stattdessen fort oder überwintern in zumindest nicht ausdrücklich gewollten Wohnformen. Ähnlich verhält es sich bei vermissten Kulturangeboten oder der Urbanität in den Straßen: Wenn man es nicht selbst macht, wird es das Gewünschte nicht geben, so könnte die Chemnitzer Regel lauten. Dafür könnten die entsprechenden Rahmenbedingungen schlicht durch Abgabe der Kontrolle über ansonsten leer stehende Häuser geschaffen werden. Doch darauf lässt sich die städtische Administration nicht ein.

Das Experimentelle Karree

Das Experimentelle Karree schafft nicht allein den verwegenen Glamour in die Stadt. Es sorgt vielmehr für eine allgemeine Aura der unübersichtlichen Möglichkeiten und des Unerwarteten. Es ist damit auch mehr als nur eine Marotte einer Minderheit, da auch die befassten Kreise, die nicht unmittelbar Besucher sein wollen/können, das Projekt als urbanes Gefühl der Möglichkeiten anerkennen. Oder Anders: Das Phänomen Südvorstadt/Connewitz wird auch vom Leipziger Oberbürgermeister geschätzt, weil es die Integrationsfähigkeit und Vielfalt der Stadt darstellt.
Das ExKa stellt unter den Bedingungen des Stadtumbaus und der Peripherisierung ganzer zentrumsnaher Stadtteile eine geeignete Interventionsmöglichkeit dar, zu der noch viele andere (Wächterhäuser, Nachbarschaftsgärten, Kunst im öffentlichen Raum etc.) treten müssen, um der rasanten Verödung gleichermassen mit dem Angebot der Selbstverwirklichung und der Partizipation entgegenzutreten. Das Signal des praktizierten Stadtumbaus mit Stacheldrahtzäunen und unkoordinierten Abrissen ohne nachhaltiges Konzept, lässt vermuten: Die „Profis“ machen den Stadtumbau, müssen aber glücklicherweise nicht dort wohnen. In dieser Hinsicht wäre es wünschenswert, wenn im Wohnungsunternehmen GGG (wenn es schon nicht vom Stadtplanungsamt koordiniert bzw. beeinflusst werden kann) Stadtsoziologen eine beratende Position einnehmen würden.

  1. „Wie eine Stadt mit Fördermitteln zugrunde gerichtet wird“, Monitor-Sendung vom 14.5.2009, http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2009/0514/chemnitz.php5 | Arnold Bartetzky: „Anleitung zur Stadtzerstörung“. FAZ 24. März 2009 [zurück]
  2. Chempirica (2008): Wohnwünsche junger Menschen, Ergebnisse einer Befragung von 1.300 sächsischen Berufsschülern und Studenten, Eigenverlag, Chemnitz [zurück]

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