Bindende Verträge

Ohne großes Aufsehen ging der 15. August 2007 heimlich, still und leise an den meisten Menschen in Chemnitz vorbei. An uns jedoch nicht: Seit diesem Tage nämlich ist der Mietvertrag zwischen dem Verein „Wiederbelebung kulturellen Brachlandes e.V.“ und der GGG bindend. Das bedeutet also, dass die Raumpionier_innen für die nächste Zeit ihre Raumbasis in der Reitbahnstraße 84 ausbauen werden.

Banksy macht wieder Stress

Kaum ist diese klar, tritt der Konterpart der Raumpionier_innen, die kommunale Wohnungsfirma GGG, mit einem Gruß an das Haus auf den Plan: Seit geraumer Zeit schmückt ein Motiv des britischen Graffitikünstlers BANKSY die Fassade des Hauses, nun stört das Bild plötzlich und eine Abmahnung flatterte den Raumpionier_innen auf den Schreibtisch. Entweder das Bild und auch einige andere Graffiti, die sich so im Lauf der Zeit angesammelt haben, verschwünden binnen drei Tagen, oder eine Buffing-Firma werde dies auf Kosten der Raumpionier_innen übernehmen. Der Bestand des Bildes sei ein Vertrauensbruch der Mieter_innen, meint die GGG und droht: „Darüber hinaus behalten wir uns für diesen Fall“, gemeint ist die Nichtentfernung durch die Raumpionier_innen, „die außerordentliche Beendigung des Vertragsverhältnisses (…) ausdrücklich vor.“ Bei bisherigen Gesprächen mit der GGG spielte das BANKSY-Bild keine Rolle. Nun wird es zum ersten Zankapfel.

Am 29.08.07 fand eine Begehung von GGG -Abgesandten und zwei Technikern statt um unsere Baumaßnahmen zu begutachten. Anschließend trafen sich die Mitglieder des „Vereins zur Wiederbelebung kulturellen Brachlandes“ im Hauptquartier der Grundstücks- und Gebäudewirtschaftsgesellschaft mbH. Dabei ging es auch Hauptsächlich um die Fassadengestaltung, hier konnte man sich auf den Kompromiss einigen, ein Konzept zur Gestaltung der Außenwände zu erstellen und gemeinsam mit der GGG darüber abzustimmen, welcher Art und von Wem die Bilder/Graffiti sein werden, ansonsten tritt die Abmahnung wieder in Kraft. In wie weit die Raumpionier_innen in dem von der GGG geforderten Maße kontrollieren können und wollen, was an der Fassade künstlerisch verändert wird, wird die Praxis zeigen.

GGG away.

Schon das faktische Fernbleiben der GGG bei einem von den Raumpionier_innen veranstalteten Podiumsgespräch am 10.08.07 (lediglich die im Publikum befindliche Geschäftsstellenleiterin gab sich zum Ende der Diskussion zu erkennen) deutete eine Vereisung an. Er glaube, dass „das Thema “Stadtentwicklung und Jugend” nicht zwangsläufig ein Thema der GGG sein musss“, so GGG-Pressesprecher Stefan Reisz tastaturschwach in seiner Absage an die Diskussion.
Unter Abwesenheit der Hauptverantwortlichen der GGG diskutierte das Podium, bestehend aus Prof. Dr. Christine Weiske (Professur für Soziologie des Raumes an der TU Chemnitz) und Holger Pethke (Jugendamtsleiter), Patrik Pritscha (Mitglied des Aufsichtsrates der GGG und des Stadtrates) und Dominik (Botschafter der Raumpionier_innen), eher einhellig über die großen Probleme der Stadt in Bezug auf Abwanderung, Kulturabbau und die trotzigen Versuche eines Stadtumbaus mit Jugendstadtteil. Leider beteiligten sich die Verantwortlichen der GGG nicht aktiv an dieser Diskussionsrunde und vermittelten auf diese Weise nicht unbedingt die von ihnen oft betonte Dialogbereitschaft. Für unser Empfinden zeigte die GGG damit, dass sie sich der Verantwortung, welche ihr als städtischem Unternehmen nun einmal zwangsläufig zuteil wird, nicht bewusst ist. Dadurch kam eine wirklich kontroverse Diskussion über die gegensätzlichen Interessen der Chemnitzer Stadt, der Jugend im Allgemeinen und der Raumpionier_innen im Besonderen sowie die der GGG, als wirtschaftlichem Unternehmen, leider nicht zu Stande.

Krawall und Remmidemmi

Das anschließende Fest mit ca. 400 Besucher_innen konnte davon allerdings nicht getrübt werden. Getreu dem Motto „Shake the downtown, hit the city“ ging das Fest, das aufgrund des wechselhaften bis schlechten Wetters bedauerlicherweise zu großen Teilen nach Innen verlegt werden musste, weiter. Das Konzert mit der Band „Head Ahead“ und die d’n‘b-Party mit Nano42 fand mit einem polizeilichen Großeinsatz im Morgengrauen seinen zünftigen Ausklang. Die Raumpionier_innen sehen es als gelungenen Einstand, gerade aus der Gegebenheit heraus, ihr Potential als zusammen wirkende Gruppe, vor allem auch in Stresssituationen zu erproben. Menschen machten sich ein Bild von der Arbeit, dem Anliegen der Raumpionier_innen und schließlich konnten einige in Chemnitz längst überfällige Debatten angestoßen werden.
Im Moment nimmt der Ausbau der Räume die meiste Zeit in Anspruch. Rund 20 Leute arbeiten teilweise rund um die Uhr an der Instandsetzung der Sanitär- und Stromanlagen und Sanierung der Wohn- und Kulturräume. Bisher wurden ca. 3000€ für Material und Arbeitskosten verausgabt. Auf jeder der 4 Etagen steht nun ein funktionierendes Klo und fließendes Wasser zur Verfügung.

Plenum? Plenum.

Das Projekt organisiert sich im wesentlichen in den zwei mal pro Woche stattfindenden öffentlichen Plena, in denen alle Dinge von Belang besprochen und geplant werden. Zu den Schwerpunkten Finanzierung, Veranstaltungen und Instandsetzung haben sich Arbeitsgruppen gebildet. Angesichts der unterschiedlichen Ansichten über inhaltliche Ausrichtung und Umsetzung des Projekts gehen die Plena dabei meist nicht ganz ohne Streit über die Bühne, sind dafür aber umso tiefgreifender.

Das Leben der anderen

Dass sich früher oder später rechte Kreise und Nazis zu Wort melden würden, war abzusehen. Einen ersten Vorstoß unternahm bereits vor einigen Wochen die Chemnitzer CDU-Fraktion mit einer Pressemitteilung, in der im Namen unzähliger „Chemnitzer Familien, die recht schaffend ihrer Arbeit nachgehen oder von Arbeitslosigkeit geplagt sind“, der „Umgang mit Fremdeigentum“ (gemeint ist die dem Kulturprojekt vorausgegangene Hausbesetzung) und der „Lebensstil der Jugendlichen, die im Schaufenster der ehemaligen Schlecker-Filiale ihre Betten aufgestellt haben“, beklagt wird. Mittlerweile werden auch von Naziseite in Form eines Flugblattes und Internettextes „alle furchtlosen, beherzten Mitbürger“ aufgerufen, „ihren Unmut über diese Zustände bei den Behörden oder am besten gleich bei der GGG kund zu tun.“
Ausgerechnet von Arbeitslosigkeit und damit auch von anderen sozialen Nöten geplagte Menschen sind es, in deren Namen die Chemnitzer Konservativen versuchen ein Projekt zu unterbinden, das ja gerade versucht, sich ein Stück weit aus dieser beschissenen Lage zu befreien. Und ganz im Gegenteil zur zynischen Ansicht der CDU, sind es vor allem Menschen in sozial prekären Lagen, die sich für das Projekt interessieren, uns besuchen und unterstützen.

Kaffeekultur und Kuchenkrümel

Die Reitbahnstrasse 84 ist mittlerweile für die verschiedensten Menschen zu einem Anlaufpunkt geworden. Unterschiedliche Motive geben hier den Ausschlag für die Besucher_innen. Tischtennis spielen, die VoKü genießen, Kaffee trinken und beim gemütlichen Zusammensein diskutieren oder über Alltägliches sprechen, sind nur einige davon. Politische und kulturelle Veranstaltungen finden regelmäßig statt, wobei die Räume des Projektes offen gestaltet sind und vom überwiegenden Teil der Nutzer_innen als solche verstanden und mitgestaltet werden. Auch in den Plena bringen sich neben den Hausbewohner_innen Freund_innen und Besucher_innen des Hauses ein. Dies ist umso wünschenswerter, da so der tägliche Diskurs von außen beleuchtet werden kann.
Das von den Raumpionier_innen geplante Stadtteilcafé entsteht somit langsam von selbst und unterliegt einem stetigen Wandel und Veränderung. Mal sehen was die Zukunft bringt…




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