traumfunkelnde märchenburg / verfluchter klotz am bein / reitbahnstraße_84

ich weiß nicht mehr genau wann es war, möglicherweise am morgen des zweiten oder dritten tages der besetzung. ich bin zum ersten mal für ein paar stunden weggegangen — zur arbeit oder so… an der straßenecke habe ich mich umgedreht, zurück geschaut und herzzerbrechend-grimmig gedacht: „bitte bitte, es darf nicht weg sein, wenn ich wiederkomme!“
vorsicht unheile welt stand auf der tür der kämpfer_in und genau so war auch das gefühl!
mittlerweile habe ich mich schon mehrmals bei dem gedanken ertappt, wie ich denn hier raus kommen könnte, ohne dass ich es als niederlage empfinden würde.

was ist bloß los mit der reitbahnstraße_84?
wieso ist sie freudestiftender anknüpfungspunkt für möglicherweise unrealistische hoffnungen — wieso kann sie bereits im nächsten augenblick ihre bewohner_innen und freund_innen in abgrundtiefe depressionen zwischen ungespülten töpfen, scheinbar oberflächlichen beziehungen und einem vermeintlich lausigen kulturprogramm stürzen?

[antworten fehlanzeige, nur fragmente, ende offen — genau wie im plenum]

…in der reitbahnstraße wohnen menschen in verschiedenen lebenssituationen (frauen, männer, kinder, verschiedenen alters, studierend, berufstätig, erwerbslos, umherschweifend) mit hunden & mit katzen. daraus resultieren unterschiedliche bedürfnisse (viele, viele, viele bei 25 menschen) — die oft miteinander im widerspruch stehen. diese widersprüche müssen gelöst werden, weil sonst auf dauer die frustration so groß wird, dass menschen ausziehen. das haus trägt sich schon lange nicht mehr von der euphorie der besetzungszeit, die phase des verliebtseins ist definitiv vorrüber! hinzu kommt noch, dass von anfang an von einem selbstverständnis allenfalls passagen vorhanden waren. dies fällt nun bei jeder tiefergehenden auseinandersetzung auf…

…vor meiner zeit in der reitbahnstraße war leben in einem hausprojekt nicht mehr als ein ferner traum, dessen erfüllung ich mir nicht mal ansatzweise sicher sein konnte. sollte es jedoch klappen, so ging ich unerschütterlich davon aus, dass meine psyche für immer gerettet sei, vor den ätzenden gleichschaltungsversuchen von lohnarbeit, tagesschau, konsum und überhaupt vor dem ganzen bekackten terror, der unterschwellig von der mitte der gesellschaft ausgeht.
im hausprojekt hingegen würde zwischen den bewohner_innen alles mit einer schwerelosen leichtigkeit wie von selbst laufen: selbstbestimmt, emanzipativ, solidarisch — elronds haus im schönen tal von rivendell, ein hauch von kommunismus!
in wirklichkeit ist es anders. selbst als gruppe von rücksichtsvollen und sensiblen menschen müssen wir scheinbar alles von anfang an neu lernen. selbst jahrelange erfahrung aus wohngemeinschaften bringt offensichtlich nur einen geringen erkenntnisgewinn für das leben in einem hausprojekt…

…mittlerweile ist freiraum für mich zu einem, bis zur unkenntlichkeit heruntergemorphten begriff geworden und ich verbinde damit eher den verhaltensapell mein ego mal zurück zu fahren, anstatt mich auszuleben. selbstverwaltung scheint mir wesentlich ehrlicher zu sein, jedenfalls sind an diesem wort deutlich die vielen umfangreichen tätigkeiten abzulesen, welche das hausprojekt seinen aktivist_innen abverlangt. und ironischerweise sind es gerade diese aktivist_innen, die anderswo arbeit mehrheitlich scheiße finden würden — abhängige lohnarbeit jedenfalls! mal wieder braucht es zur problem-dekonstruktion mindestens superheld_innen-fähigkeiten, nämlich um selbstausbeuterische arbeit während der freizeit positiv kippen zu können — kippen zu können in emanzipative tätigkeit, welche sich selbst lustgewinn genug ist, ohne dass es einer entlohnung mit geld oder sozialprestige bedürfte — wann werden die urbanen raumpionier_innen endlich zu prekären superheld_innen?!…

… wo möchte ich die urbanen raumpionier_innen treffen? ich möchte sie außerhalb der reitbahnstraße_84 treffen! badend in der zschopau, volxküchend im ajz, abgehend beim crasspub-festival. es ist bestimmt kein zufall, dass es noch kein befreiendes gemeinschafts-tanzen im haus gab, und ich meine amüsanten freitag- und samstag-abend-momente zwar mit den urbanen raumpionier_innen erleben konnte, dann aber vorzugsweise außerhalb des hauses. allgemein fällt die geringe halbwertszeit von glücklichen momenten im haus auf. die spürbare frustration, welche für außenstehende oft nicht nachvollziehbar ist, hat möglicherweise viel mit enttäuschten erwartungen und zu hohen emotionalen ansprüchen an das projekt zu tun…

… dass mittlerweile die veranstaltungsfläche uns gestaltet und nicht wir die veranstaltungsfläche ist kein geheimnis mehr. es war sowieso von anfang an ein zwiespältiges verhältnis hierzu gewesen. in der kämpfer_in sitzend, beim langen langen plenum darüber, ob wir nun aus der besetzten kämpfer_in raus und mit nutzungsvertrag in die reitbahnstraße rein gehen sollten, war schon der gedanke ausgesprochen worden, dass die veranstaltungsfläche zu gross sei, um sie mit einem guten programm bespielen zu können, dass wir angesichts der hohen nebenkosten, gezwungen seien würden, wieder und wieder auf zu machen, damit kohle reinkommt. schließlich haben den ausschlag für die reitbahnstraße, die großen schaufenster gegeben, über die sowohl kulturelle als auch politische veranstaltungen nach außen wirken könnten.
von ner kneipe war da nie die rede gewesen — stadtteilcafe, umsonstladen, vokü, konzis, infoladen wollten wir machen, dass gibt’s auch alles, oder es ist im entstehen begriffen, aber die gefühlte außenwahrnehmung ist: reitbahnstraße hat bis in die morgenstungen auf, es gibt laute musik und billiges bier.
dass ist nicht einfach so über uns gekommen, und es gibt auch unterschiedliche strömungen im haus — der berechtigte vorwurf von denen, die kein problem mit der kneipe haben ist, dass die kritiker_innen nicht genug inhaltliche veranstaltungen an den start bringen. tatsächlich verhalten sich die urbanen raumpionier_innen, die aufgebrochen waren ihre unmittelbare lebensumgebung aktiv zu gestalten in dieser frage merkwürdig passiv, beinahe paralysiert. dabei darf jedoch nicht die energie unterschätzt werden, die gegen das beharrungsvermögen einer kneipe aufgebracht werden muss, die immer da ist und einfach und schnell funktioniert. Schon lange treffen sich alle beteiligten nicht mehr auf dem plenum. diskussionen über öffnungszeiten etc. verpuffen. hinzu kommt die quälende dominanz von orten und dingen, vielleicht wäre es gut die bar einfach kaputt zu schlagen oder etwas subtiler, mal einen monat verhüllen und somit aus der wahrnehmung zu nehmen und zusehen, was in dem geschaffenen freiraum (hihi!) geschieht…

[reitbahnstraße_84 — bekackte postmoderne: die permanente krise, immer steht alles auf der kippe.]
it ain’t me babe


6 Antworten auf “traumfunkelnde märchenburg / verfluchter klotz am bein / reitbahnstraße_84”


  1. 1 Jens Uwe Jahn 25. August 2008 um 12:41 Uhr

    knuffsch geschrieben. aber man wird langsam muffsch. Wie auch. Wenn keiner mehr „in der Stadt“ ist. Räume sind nur das nötige Vehikel um freundschaften ausleben zu können. Aber wo ist der Wille zur Freundschaft, zu neuen „Leuten“? Ich seh ihn oft zu wenig. Macht die Bude kleinzelliger. Mikrostrukturen, Zellen. Ich war bis 1998 bei NRJ. Ich weiss, wie das Läuft. Aber ich werd mal rumkommen…

  2. 2 gefühlsbonze 26. August 2008 um 11:52 Uhr

    „…mittlerweile ist freiraum für mich zu einem, bis zur unkenntlichkeit heruntergemorphten begriff geworden“.
    ich hab eher den eindruck als wäre so einiges jetzt erstmal kenntlich geworden, aber sei es drum.
    „bekackte postmoderne: die permanente krise, immer steht alles auf der kippe.“ na das ist doch ein mist und das überträgt sich sogar auf einen! heul doch!

  3. 3 Schmuuf... 29. August 2008 um 12:21 Uhr

    Es ist natürlich wichtig, sich mit dem eigenen Projekt auseinanderzusetzen, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir dabei (nicht nur bei der reba84) immer wieder eine gewisse Verkrampftheit, ein unnötiger Zwang auffällt.
    Warum _muss_ mensch denn unbedingt ein bestimmtes politisches Programm bieten oder den Plan mit kulturellen Veranstaltungen vollstopfen? Was nicht wird, wird eben nicht.
    Aber es wird schon was…ganz von allein – zumindest fast. Glaub ich zumindest.
    Also ihr macht doch alle was. Da kommt dann halt früher oder später was bei raus.

    „mittlerweile habe ich mich schon mehrmals bei dem gedanken ertappt, wie ich denn hier raus kommen könnte, ohne dass ich es als niederlage empfinden würde.“

    Wieso Niederlage? Ist doch okay, wenn mensch mal ne Pause einlegt. Auch die Begründung „keen bock mähr, leude“ ist da völlig legitim.
    Heißt ja nicht, dass mensch sich deshalb für immer verabschiedet.

    „[antworten fehlanzeige, nur fragmente, ende offen — genau wie im plenum]“

    Nun ja, das Plenum ist eh so ein Phänomen. Sollte vielleicht mal jemand ne Studie drüber machen.
    Das ist ja so: Im Plenum wird ein bestimmter Tagesordnungspunkt angerissen, dann wird darüber eine Stunde diskutiert – ergebnislos, versteht sich.
    Und dann entscheiden die Leute, die das Thema eingebracht haben, ob sie das als „OK“ bzw. „JA“ werten sollten und los geht’s.

    „weil sonst auf dauer die frustration so groß wird, dass menschen ausziehen.“

    Also, so wie ich das verstanden habe, lebt ein Hausprojekt davon, dass Leute aus- und einziehen. Und dieser ständige Wandel muss ja nicht unbedingt auf Frustration fußen.

    „vielleicht wäre es gut die bar einfach kaputt zu schlagen“

    Naja, das ist dann doch bissl kontraproduktiv. Da macht es ja noch mehr Sinn, irgendwelche Bus- und Bahnhaltestellen zu entglasen.
    Vielleicht könntet ihr ja einfach mal den Bierpreis hochschrauben (und euch als Kapitalistenschweine beschimpfen lassen) oder einfach mal den Alkoholausschank runterfahren (und euch als öde, blöde und straight-edge beschimpfen lassen). Denn das ist, denke ich, ein wirkliches Problem – und nicht die Bar an sich.

    rosa-schwarze grüße

    urmel

  4. 4 _carsten_ 31. August 2008 um 12:33 Uhr

    als resümee auf diesen artikel bin ich gewillt zu schreiben, willkommen im leben. aber das greift vielleicht zu kurz :)

    die bar ist nicht das problem, eher im gegenteil. sie schafft geselligkeit über kulturelle grenzen hinweg, während spezielle abende/veranstaltungen geselligkeit nur in einer homogenen masse schaffen.
    ihr habt einen freiraum geschaffen und wenn es nur für nachts gestrandete ist. aber eben auch der ist wichtig.

    was eher traurig ist, das die möglichkeiten der schaufenster nicht ausgenutzt werden. so kommt es mir zumindest vor, wenn es anders ist, entschuldigt, als chemnitzer im exil habe ich nur vierteljährlich die ehre eines besuches. da war die reba anfangszeit mehr geprägt von fluxus und happening.

    ich denke, wenn man das drumherum löst, mehr kulturelle veranstaltungen, auch über grenzen hinaus, wird sich auch die problematik der bar lösen. stumpfes betrinken hört dort auf, wo andere menschliche bereiche stimuliert werden.

    nun denn, kopf hoch
    lg carsten

    ps: etikettiert doch mal die bierflaschen um. brechtgedichte zum beispiel. so hat jeder trinker noch einen geistigen mehrwert….

  5. 5 h 17. September 2008 um 16:42 Uhr

    Lustig, das mit den Etiketten wollte ich auch grad schreiben.
    Mehr Schaufenster nutzen (Wenn man [tut mir leid, ich mag mensch nicht] hineingeht, sollte man vorher lesen können, warum man gerade reingeht) ist eine gute Idee.
    Versackt nicht im Alltag, motiviert euch gegenseitig. Ja klingt so einfach… ihr habt es in der Hand!

  6. 6 eure liberalen 14. November 2008 um 17:01 Uhr

    „Das Reitbahnviertel in Chemnitz soll in Universitätsvorstadt umbenannt werden.

    Dieser Vorschlag kam am Freitag von der Chemnitzer FDP Fraktion. Nach deren Meinung würde sich so das Viertel zwischen Zschopauer und Annaberger Straße schneller zu einem Anziehungspunkt für Studenten entwickeln.

    Es wäre gleichzeitig ein wichtiges Bindeglied zwischen Innenstadt und der Chemnitzer Uni. Zugleich wünschen sich die Liberalen hier den entsprechenden Freiraum für Forschung, studentisches Leben, Wohnen oder auch experimentelle Wohnformen. Oberstes Ziel muss es demnach sein, Innenstadt und Universität strategisch miteinander zu verzahnen. “

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