Create some chaos!

Anfang Juni 2008:
Der Winterblues war mittlerweile abgeflaut. Mensch war nur noch durchschnittlich depressiv und begann langsam aber sicher wieder, die Kräfte der inneren Säfte für sich zu entdecken.
Die Sonne betrieb tagtäglich ein kleines feines Schattenspiel mit den wenigen Wolken am tiefblauen Himmel. Bäume und Wiesen waren wieder ergrünt und es herrschte allgemeine Entspannung.
Doch kaum hatte sich die denkende Minderheit in diesem Lande von dem verheerenden Schwarz-Rot-Gold-Tsunami erholt, den die deutsche Masse 2006 losgelassen hatte, stand schon die nächste Katastrophe ins Haus: Fußballeuropameisterschaft 2008.
Als Schlachtfeld für den postmodernen Ersatzkrieg sollte diesmal das bergige Terrain in Österreich und der Schweiz dienen.
Dort plante die UEFA unter dem Motto „Erlebe Emotionen“ eine der größten dumpf-nationalen Pappnasenparaden aller Zeiten.
Und was wir an Emotionen erlebten! Depression, Übelkeit, Hass, Verzweiflung!
Im Zuge dieses mörderisch aufreibenden Ballerspektakels kam auch erstmals die neue kugelrunde Wunderwaffe „EUROPASS“ zum Einsatz.
Das von Adidas und Bayer MaterialScience entwickelte Hochgeschwindigkeitsgeschoss erwies sich im alpinen Feldversuch allerdings schnell als wenig beliebt, weil kreuzgefährlich.
So berichtete beispielsweise der Torwart der deutschen Nationalhampelmannschaft davon, dass Mann diese „raketenschnelle Flatterkugel nur wegboxen, wegfausten oder auch wegklatschen“ könne.
Die krankhafte Kriegsbegeisterung der wehrfähigen Gesamtbevölkerung lies sich jedoch „so kurz vor‘m Knall“ auch durch derartige Meldungen nicht mehr lindern.
Ohnehin wäre diese Linderung viel zu spät gekommen: Die Schlachtpläne waren gedruckt und die (groß-) deutschen Kühlschränke bereits mit literweise flüssigem Hirnvernichtungsmaterial der Marken Braustolz, Jever, Wernesgrüner usw. gefüllt.
Und so schallte es in den mittlerweile völlig verschwarzrotgoldeten Straßen wieder „Olé, olé!“ und „Drei Wochen Ausnahmezustand!“
Das war natürlich bitter!
Und zwar vor allem deshalb, weil man sich angesichts der unfassbaren Menge an nationalem Merchandising, die einem tagtäglich ins Gesicht schlug, eingestehen musste, dass der Widerstand 2006 nicht nachhaltig genug gearbeitet hatte.
Das hochansteckende Schwarz-Rot-Gelb-Fieber befand sich unentwegt auf dem „Marsch auf Mitte“ und sorgte bei subtropischen Temperaturen für krebsrote Haut und massig weiches Hirn.
Im Lager der Aussätzigen, die angesichts der Situation immer wieder von Kotzanfällen heimgesucht wurden, warf das alles einige grundlegende Fragen auf:
Wie leitet man jetzt am besten subversive Maßnahmen ein?
Wo bekommt man größere Mengen hochentzündliches Material?
Kann man hier irgendwo Hirn spenden?
Nach dem Durchlaufen intensiver Denkprozesse wurden schließlich ein paar praktische Handlungsansätze entwickelt:
Zur Auswahl stand zum einen das Konzept Kommunikationsguerrilla, also das kreative und innovative Verwursten der feindlichen Propaganda sowie die subversive Nutzung gegebener Aktionsräume.
Zum anderen konnte mensch sich die Zeit in den sommerlich warmen Abendstunden mit altbewährten Disziplinen wie Flaggenbrechen oder Flaggefackeln vertreiben.
So weit, so gut! Oder doch eher schlecht?
Denn so richtig „gerummst“ hat es letztendlich nicht!
Woran das lag?
Mensch war wohl wieder mit sich selbst und seinen Projekten beschäftigt (wie z.B. dem Schreiben von Texten für Zeitungsprojekte), was an und für sich nichts schlechtes ist – im Gegenteil!
Aber die „Wendung nach Innen“ sollte eben nicht gleichzeitig eine Abkehr von der Außenwelt sein – schon gar nicht im Sommer!
Also dann: Create some chaos in the fuckin‘ Sommerloch!
Denn HausmeisterIn-Sein heißt ja bekanntlich Angriff! Auf allen Etagen, mit allen Mitteln!

phra:ha: d


2 Antworten auf “Create some chaos!”


  1. 1 die Fahnenflüchtige 02. Juli 2008 um 11:32 Uhr

    What kind of chaos are you talking about?

    Die Umstände, in denen wir hier leben, hinterlassen in den Menschen, vor allem in den sensibleren unter ihnen, offensichtlich zu oft das Gefühl einer ohnmächtigen Wut. Das ist leider an sich irgendwie nichts neues.
    Angesichts der rassistischen Übergriffe in halb …schlaaand nach dem EM-Halbfinalsieg (über das Szenario einer Niederlage will ich lieber nicht nachdenken) gegen die Türkei (von den 414 fremdenfeindlichen Gewalttaten die der VS für 2007 gezählt haben will und der dazugehörigen Dunkelziffer mal ganz abgesehen) ist es für mich auch nicht verwunderlich, die eine oder andere Gewaltfantasie gegen Deutschländer zu entwickeln. So habe ich vollstes Verständnis dafür, dass mensch auch ab und zu dieser Wut Luft machen muss und Texte verfasst, um sich über all den Stumpfsinn sowie die augenscheinliche Hirnlosigkeit seiner „Mitmenschen“ auszukotzen. Dass daraus dann auch konkrete Aktionen erwachsen sollten, liegt nahe, aber dass diese dann letztendlich „rummsen“ müssen, weckt in mir sofort Assoziationen mit blutigen Nasen, brennenden Häusern oder Autobomben die an irgendwelchen belebten Plätzen Menschen in Tote verwandeln.
    „Denk ich an Deutschland in der Nacht, ja dann will ich dass es kracht!“
    Mir ist durchaus klar, dass Hooligans, Nazis, Rassisten und dem deutschen Mob im allgemeinen mit ein bisschen Text, einem netten Gespräch oder einem Demokratiefest absolut nichts zu vermitteln ist. Es ist ja nicht unbedingt so, dass diese Sorte Menschen deshalb aufhören würden Menschen zu treten, weil diese am Boden liegen und sich nicht mehr wehren. Außerdem sieht es auch stark danach aus, dass es in gerade den Gegenden wesentlich weniger Angriffe auf anders Aussehende/Denkende/Lebende gibt, in denen die völkisch Verblendeten auch ein bisschen Angst haben müssen, mit Gegengewalt konfrontiert zu werden.
    Mir ist aber auch durchaus klar, wo ich gerade lebe und wie die Verhältnisse hier sind. Was absolut nicht heißen soll, dass diese Zustände so bleiben sollen. Aber Hausmeister_in sein, könnte auch mehr heißen, als immer nur leere Phrasen zu dreschen! Und wer hier Herr_in in welchem Haus ist, könnte der massive Polizeischutz aufzeigen, den es braucht, um eine „gewöhnliche“ Antinazidemo unbeschadet zu überstehen. Von der alltäglichen Route von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt ebenfalls mal ganz abgesehen.
    Sind „phra:ha: d“ die Zustände in der sterbenden Stadt nicht schon chaotisch genug? Was glaubt er/sie denn, wie es im weit entfernten LE dazu kommt, dass sich eines schönen Abends ca. 200 fröhliche Jugendliche versammeln, um unbehelligt durch Ordnungsorgane und Nazis einen Thor Steinar-Laden zu „verschönern“?
    Meines Erachtens ist für solche Aktionen irgendwie ein Mindestmaß an Organisation und Vernetzung nötig. Und dazu ist es notwendig, sich zu treffen und miteinander zu diskutieren, wie mensch wo was machen kann. Es ist ja auch eigentlich nicht so, dass es dafür gar keine Strukturen gäbe (Und wenn es sie nicht gibt, dann hat mensch immer noch die Möglichkeit, sie zu schaffen!), aber wenn diese nicht genutzt werden, kann mensch sich noch so sehr wünschen, dass die direkte Aktion alles richten wird. Doch woher nehmen wenn nicht…
    Um nicht endlos rumzujammern, hier mal ein paar Vorschläge:
    Als kleine Anregung empfehle ich allen, die sich für mehr direkte Aktionen interessieren, die verschiedenen Aktionscamps die diesen Sommer in …schlaaand stattfinden. Unter dem Motto: „Heiligendamm ist überall“, bereitet ein breites Bündnis aus unterschiedlichsten Gruppen vier Aktionscamps vor, die sich jeweils ca. eine Woche lang mit der Planung von Massenaktionen des zivilen Ungehorsams beschäftigen und diese dann am Ende des Camps in der Praxis anwenden wollen. Die Themenschwerpunkte sind hierbei Antimilitarismus (18.-21.7. in Kyritz – Ruppiner Heide; www.g8andwar.de), Klimawandel (15.- 24.8. in Hamburg; www.klimacamp08.net), Antirassismus (16.-24.8. ebenfalls in Hamburg; http://camp08.antira.info) und Atomwaffenfreiheit (23.-31.8 am Atomwaffenstützpunkt Büchel bei Cochem in Rheinland Pfalz; www.atomwaffenfrei.de). Die beiden Aktionscamps in Hamburg sind absichtlich zur gleichen Zeit und soweit es geht aufeinander abgestimmt. Informiert euch bei Interesse ausführlich über das Ziel der Reise, fahrt am besten nur in einer Bezugsgruppe (Menschen die ihr kennt und denen ihr vertraut) zu solchen Großevents und passt dort aufeinander auf! Denn ziviler Ungehorsam wird zur Zeit noch nicht so gern gesehen und mensch sollte ein Aktionscamp auch nicht mit einem Ferienlager verwechseln. (Du hast bis jetzt noch nichts von diesen Aktionscamps gehört bzw. gelesen? Dass könnte wohl unter Umständen an der großartigen Kommunikation innerhalb der sterbenden Stadt liegen!)
    Wem das irgendwie noch eine Nummer zu groß ist, der/die kann ja mal beim „Faetzig Camp“ mitmachen. Das ist ein kleines aber sehr feines D.I.Y. Festival, das im ersten Juliwochenende (04.-06.7.) in der östlichsten Provinz Sachsens (Flugplatz Rothenburg) nun schon zum sechsten mal stattfindet. Dort erwarten euch freundliche Menschen, verschiedene Workshops und Vorträge (unter anderem zu den Themen: Antirassismus, Geschlechterverhältnisse, Autonome Nationalisten und Selbstverteidigung) sowie ein wenig Tanzmusik (www.faetzig.de).
    Inzwischen können ja alle, die diesen Sommer aus welchen grausamen Gründen auch immer in der sterbenden Stadt bleiben müssen, sich nach einander umschauen und überlegen, was hier noch zu tun ist.
    Die Denkenden/Kritischen/Ungehorsamen/Anderen sind derzeit eine gesellschaftlich absolut marginalisierte Randgruppe bzw. Ansammlung von Einzelpersonen und angesichts der …schlaaandfahnenschwenkenden, grölenden und physisch wie psychisch schmerzhaften Massen bin ich auch nicht sehr zuversichtlich, dass sich daran so schnell (wie mir lieb wäre) etwas ändert.
    Sich von der bequemen Position des/der Maulheld_in, der/die am Schreibtisch seitenweise den Dummen das Schlechteste wünscht, zu erheben und vielleicht auch über die Dichotomie des Abfeiern vs. Abbashen herauszuwachsen, scheint mir eine der wenigen Möglichkeiten, welche uns bleiben, um die derzeitigen Zustände zu überwinden.
    Texte wie „Create some chaos!“ sind unter (sehr viel) anderem eine Ursache, die es denkenden/sensiblen/aufmerksamen Menschen unmöglich macht, sich nacheinander umzusehen und in Kontakt miteinander zu treten. Phrasen zu dreschen, ohne sie mit Inhalten zu füllen, schreckt jedes vernunftbegabte Wesen ab! Wir sind zu wenige, als dass wir es uns leisten könnten uns gegenseitig durch solche sinnfreien Pamphlete noch weiter von einander zu entfernen. Ich gestehe Aggressionsabbau einen gewissen Sinn zu. Aber ist das schon alles, was in einer anderen Welt möglich sein soll?
    Vorgänge aus anderen Teilen der Welt und die Geschichten der Älteren suggerieren mir manchmal, dass Formen der Organisation möglich sein könnten, die nicht gleich in Kadergruppensektentum oder jahrelangen Ätzplenas versanden müssen.
    Es einmal richtig „Krachen“ lassen, muss halt nicht ausschließlich heißen „Nazis aufs Maul“ oder wir haben den Größten (Bass).
    Denn „Wir müssen nichts so machen, wie wir‘s kennen, nur weil wir‘s kennen, wie wir‘s kennen. Wir können es vermeiden, indem wir uns anders entscheiden.“ (Die Sterne)
    In diesem Sinne:
    become rebel – get active

    die Fahnenflüchtige
    P.S.: Und vergesst dabei ja nicht auch mal vernünftige Bücher/Blogs zu lesen oder eins/einen zu schreiben!

  2. 2 Chrisse 06. Juli 2008 um 18:40 Uhr

    Super Tipp, Fahnenflüchtige! http://blogsport.de/smilies/yahoo_waiting.gif

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