Regionale Identität im Wanzenviertel

Kürzlich im Reitbahnviertel: Eine Gruppe ambitionierter Akademiker mit Klappstühlen macht den Kiez sicher. Mit dabei: alternde Architekten, die in einsturzgefährdeten Vertretungen arbeiten und eine große Anzahl externer Beobachter und Aktivisten aus Berlin, Halle, Leipzig. Es ging darum, seiner Kreativität freien Raum zu lassen, und so zu agieren, als läge der Stadtteil in den Händen der Teilnehmer. Im Grunde wie immer, wenn europäische Fördermittel fließen. Die Grenze ist naturgemäß die unmittelbare Praxis. Ebendieser Workshop stellt auch den nach aussen wahrnehmbaren Abschluss des Auftrages an das Stadtplanungsbüro „Complizen“ dar. Für ein halbes Jahr arbeiteten sich zwei junge Männer in das trockene Wurzelgeflecht des „Reitbahnviertels“ ein, um jetzt ein Konzept vorzustellen, dass allen Beteiligten und Administratoren Handlungsoptionen schmackhaft zu machen versucht. Nachvollziehbarerweise muss der Plan zur Aufwertung eines Stadtteils auch immer ökonomische Vorteile aufzeigen können, denn die Gremien benötigen Argumentationsgrundlagen. Erstaunlicherweise sind auch in diesen Gremien viele, sagen wir mal, ökonomiefeindliche Menschen am Werk, die für sich selbst in Anspruch nehmen, jene ökonomische Argumentation lediglich für andere Institutionen anzuwenden, sie selbst dies aber eher kritisch sehen. Nicht einzelne Personen, nein, das systematische Geflecht aus Parteienwiderstreit, Förderbedingungen und der Rechenschaft vor anderen Gremien geben der Argumentation ihre Wichtigkeit und Schwere. Ob gewollt oder nicht, gerät das Ansinnen eines Jugend-, Szene-, oder Alternativstadtteils unbemerkt in das Fahrwasser sogenannter Standortdebatten. Die Argumentation der Hausbesetzer konnte in diesem Sinne auch als lokalpatriotische Affirmation des Wirtschaft- und Kulturstandorts Chemnitz gelesen werden, so man wollte. Auch hier sollte, so schien es, mit dem Verweis auf DD-Neustadt und L.e.-Connewitz eine positive Assoziationskette in Gang gesetzt werden, die nicht zuletzt das mannigfaltige Potenzial einer Szene aufzeigen sollte, wobei das Szenario einer Gentrifizierung in den Ohren der städtischen Administratoren sicherlich einen guten Klang besitzt. Nach den Jahren der anarchischen Zustände, die durch eine um sich schlagende Sub-zivilgesellschaft und durch unreglementierte Wohn- und Kulturformen gekennzeichnet waren, entwickelt sich der Stadtteil dabei in ein arriviertes Szeneviertel, in dem sogar der Bürgermeister seine abendliche Lebenslust zeigen möchte. Stadtsoziologen verpassen dem Phänomen eine eher negative Konnotation, weil sie hinter all der „Aufwertung“ in Form von Sanierungen durchaus einen Verdrängungswettbewerb erkennen, bei der die finanziell „benachteiligten“ Menschen, die dem Stadtteil seine rasante Entwicklung zum Lebens- und Lustort ermöglicht haben, den Kürzeren ziehen – wenn sie nicht inzwischen ihr kreatives Potenzial in der Werbe- oder Designbranche kanalisiert haben und das nötige Kleingeld zum Verbleib aufbringen können.
So weit ist das kein Thema für Chemnitz. Der Stadt zu unterstellen, sie würde das Projekt
„Reitbahnstrasse“ für Zwecke der Stadtpromotion nutzen, ist zu kurz und verschwörungstheoretisch gedacht, dazu fehlt es schlicht an der Reflexionsbereitschaft in den Gremien. Allein, dem Projekt könnte aufgrund zukünftiger Entwicklungen der Universität, größere Bedeutung zuwachsen. Schon jetzt gibt es einen quantitativ erfaßten Neustudenten, der explizit in die neu sanierten GGG-Gebäude an der Gustav-Freytag-Strasse einziehen möchte, um nah am „besetzten Haus“ wohnen zu können. Bereits dieser Teilerfolg sollte Mut machen: Der Standortvorteil zieht, gewollt oder nicht, ein bestimmtes Klientel in die Nähe der Trutzburg. Unterdessen wurde mit dem „Reitbahnforum“ am 26.10. der ganze Reitbahnviertel-planungs-kram zu einem stilsicheren Ende gebracht. Ein letztes Mal wurden alle zusammengekarrt, die im einjährigen Prozess an irgendeiner Stelle auftauchten: Vom seiernden Rentner, der die Parkplatzsituation monierte und für Schallschutzwände um lärmende Kinder/Jugendliche herum warb, über die wohltemperierte Frau Prof. Weiske, die von der damaligen Hausbesetzung positiv berührt wurde und sich jetzt in die weitere Entwicklung einbringt, zum plinsenhaften „Complizen“ Tore Dobberstein, der sich in der ReBa84 betrunken mit der Polizei anlegen wollte, um eine Räumung der Party zu verhindern, dem graumelierten Architekten vom Stadtforum, der sich immer besorgt bei den Hausbesetzern gemeldet hatte, ob sie denn alles ordentlich machten und der ihnen den CDU-Mann Patt anempfahl, der sich für sie entgegen des Parteikonsenses stark machen wollte, bis hin zu den ehemaligen Hausbesetzern selbst, die auf dem Podium des Forums und damit binnen dreier Monate in der Mitte der Gesellschaft angekommen waren: Sie alle durften der Moderation der Baubürgermeisterin Wesseler und der Planungsprofessorin lauschen, was wohl der Prozess zu Stande gebracht hatte. – Mehr Grün. Bäume für die Reitbahnstrasse. – Mehr Identität. Neuformierung der Platzmarken Bernsbachplatz, „Reuter-Platz“, Annen-Platz“. – Mehr Ruhe. Einseitige Verkehrsberuhigung an der Reitbahnstrasse. Indes, die ansässigen Rentner, die ab Reihe 4 die vor ihnen sitzenden auswärtigen Honoratioren nach hinten abschirmten, bestimmten unbewusst die Stimmung im Saal. Mit ihrer ewigen Parkplatznot und ihrer offensichtlichen Bedürfnislosigkeit drängten sie die Teilnehmer zu einem unausgesprochenen Pragmatismus, der weitergehende Forderungen, wie dem Jugend- oder Studentenviertelideen, unter den Tisch fallen liess. Selbst die ehem. Hausbesetzer dachten fortan offensichtlich in den Kategorien von Begrünung und Bewohnerstellplätzen, anders konnte man ihre Verzagtheit nicht interpretieren. Allein der Verweis auf die Eigeninitiative beim Stadtplanungsprozess, brachte die einstigen Ideale noch einmal zum Glänzen. Waren es nicht sie, die Besetzer, die diese unsägliche „Reitbahnviertel“-Marke mit Inhalt gefüllt hatten, ohne dass sie dies wollten? Das Reitbahnforum wäre zweifelsohne eine fahl dämmernde Diskussionsrunde gewesen, in der die überalterten Bewohner das zur Kenntnis genommen hätten, was „die da oben“ denn so Schönes für ihr Viertel geplant hatten. Und so war es dann leider auch. Das Selbstbewusstsein der Besetzer, mit ihrem Aktionismus bis tief in die bürgerlichen, administrativen Kreise hinein gewirkt zu haben, die an diesem Abend anwesend waren, schien nicht mehr existent. Die Bilanz hätte anders ausfallen müssen.

Dubcek Ebenda
aus ExKaputtGehen


2 Antworten auf “Regionale Identität im Wanzenviertel”


  1. 1 dürer a. 13. März 2008 um 16:25 Uhr

    herzlichen glückwunsch zum im veranstaltungsjournal hausmeister-innen
    abgedruckten manifest.
    ich habe schon sehr lange nicht mehr einen solch genialen wurf zu kultur und kunst gelesen – ein mächtiges manifest welches viele künstler, kritiker und trendsetter zum nachdenken zwingen wird
    ich und sicherlich viele viele andere orientierungslos umherirrende
    kulturfreunde haben nun einen leitfaden gefunden.
    im nächsten hausmeister-innen gibt es hoffentlich eine fortsetzung.
    viele grüße a. dürer

    p.s.“… mensch könnte ja unter der leinwand eine kalaschnikov entdecken.“
    im eingangsbereich der reba ist unter der farbe eine bazooka zu entdecken ( weil die ggg geschimpft hatte )

  2. 2 nobbi 09. April 2008 um 21:35 Uhr

    schade. da sitzt man nun in fernen laendern und kann nicht ganz vergessen das zu hause der mob die revolte im kleinen vollfuehrt; und man hofft und verfolgt all das verfolgbare, und hoffbare, doch schlussendlich siegt die staehlerne faust des pessimismus ueber jede freie regung.schade
    es lebe die german tristesse, es lebe die organisation des unorganiesierbaren, es lebe der bittere nachgeschmack!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: