Der totale Experte: Professor Eckhard Jesse

Studierende der TU Chemnitz!

Etwas mehr als zwei Wochen läuft das Semester nun und angenommen ihr seid im ersten Semester, so glaubt ihr mittlerweile einiges über diese Stadt und ihre Universität zu wissen. Die ‚Fibel-Erstsemesterinfo’ habt ihr mehrmals zur Hand genommen und auch die Internetpräsenz der TU Chemnitz kennt ihr fast auswendig. Wo gibt’s den Bafög-Antrag? …die wichtigen Bücher für das erste Referat? …das billigste Bier? …die fettesten Parties? Alles geklärt! Aber ganz so einfach ist es dann leider doch nicht. Manche Botschaften liegen etwas im Verborgenen und selbst Studis aus den höheren Semestern haben keine Ahnung von deren Existenz. Oder wusstest du, dass der Rektor der TU, Klaus-Jürgen Matthes, als Vertrauensmann der CDU zur Wahl des Bundespräsidenten nach Berlin geschickt wurde? Klar, der Freistaat Sachsen wird seit 17 Jahren von der CDU regiert, aber es sollte den Studierenden um die ‚Gewinnung eines selbständigen Urteils’ (Beutelsbacher Konsens) gehen und angesichts der im Folgenden geschilderten Situation an unserer TU, verlassen diese Seilschaften einen erträglichen Rahmen. Dies kann keines Falls im Interesse der Studierenden der TU Chemnitz sein. Als Einführung in die Problematik lohnt sich beispielsweise das genaue Studium der TU-Homepage für angehende Politikwissenschaftler_innen ganz besonders:
Wer sich die Seiten seiner Dozent_innen für die nächsten bestenfalls drei Jahre mal genauer anschaut, wird immer wieder mit den gleichen politischen Verbänden konfrontiert werden. Aber der Reihe nach: Der Lehrstuhl für ‚Politische Theorie und Ideengeschichte’ von Herrn Alfons Söllner sei hier einmal außen vor, denn dessen Mitarbeiter_innen geben wenig Informationen zu ihrer Person. Die beiden anderen Lehrstühle haben es dafür aber in sich. Der Lehrstuhl für ‚Internationale Politik’ wird von der ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) Beate Neuss geleitet. Ihre Schäfchen sind durchweg Stipendiat_innen jener Stiftung, wenn nicht auch Mitglied in der KAS oder anderen CDU-nahen Gruppen, wie dem RCDS (Ring-Christlich-Demokratischer-Studenten). Am dritten Lehrstuhl für ‚Politische Systeme/Politische Institutionen’, wird die Lehre und Forschung dann besonders ‚unabhängig’. Unter der Leitung von Professor Eckhard Jesse ist dieser Lehrstuhl ideologisch noch weiter rechts anzusiedeln. Jesse leitet ein Promotionskolleg der CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung und dementsprechend wurden auch die Forschungsarbeiten seiner Kolleg_innen von jener gestützt. Einige Seminare der beiden letztgenannten Lehrstühle beinhalten obendrein mehrtätige Aufenthalte bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Wendgräben oder einen Abstecher zur KAS in Berlin, entsprechende ‚Informationsveranstaltungen’ natürlich inklusive.
Jesses Aktivitäten auf konservativem Terrain finden hier aber nur ihren Anfang: So versuchte er nicht nur kraft einer öffentlichen Ringvorlesung an der TU Chemnitz, mit einschlägigen Protagonisten der Neuen Rechten (bsp. Arnulf Baring), einen neuen Nationalismus (durch den Begriff ‚Patriotismus’ bagatellisiert) salonfähig zu machen und damit ein internes CDU-Papier von Matthias Rößler zu stützen, sondern bewegt sich und seine Mitarbeiter_innen auch in verschiedenen neurechten Kreisen. Das reicht vom einseitig antikommunistisch Partei ergreifenden ‚Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung’ in Dresden bis zu Zirkeln der Neuen Rechten wie dem ‚Veldensteiner Kreis’. Die Thesen sind dabei stets die gleichen: seine ‚Totalitarismusforschung’ relativiert den Nationalsozialismus, seine ‚Parteienforschung’ relativiert den Rassismus der NPD und seine ‚Extremismusforschung’ relativiert eine Verschiedenheit zwischen Faschismus und Kommunismus. Sind seine Mitarbeiter_innen auf jener Linie, steht einer Publikation in grenzwertigen konservativen Medien mit ihrer einseitigen Ideologie (‚MUT – Forum für Kultur, Politik und Geschichte’, ‚Jahrbuch Extremismus & Demokratie’) oder einer Karriere beim Verfassungsschutz (erinnert sei an das gescheiterte NPD-Verbostverfahren und neuerliche Skandale mit s.g. V-Männern in der NPD) nichts mehr im Wege.
Hmmm, neugierig geworden? Dieser Text beleuchtet leider nur oberflächlich die Missstände, die es anzuprangern gilt. Für weitreichendere Informationen zum Thema sei folgende Veranstaltung wärmstens empfohlen:

Mittwoch, 31.Oktober 2007, 19 Uhr:
>> Der totale Experte: Professor Eckhard Jesse
und der Antisemitismus der Neuen Rechten. < <
Vortrag & Diskussion
Reitbahnstraße 84 – ‚Reitbahnviertel’ Chemnitz


15 Antworten auf “Der totale Experte: Professor Eckhard Jesse”


  1. 1 HP Müller 25. Oktober 2007 um 22:46 Uhr

    Man sollte in dem Zusammenhang natürlich auch sehen, dass Jesse Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung war.

  2. 2 Zweiflerin 30. Oktober 2007 um 13:29 Uhr

    Habe mit Interesse diesen „Artikel“ gelesen. Bereits auf der Anti-Nazi-Läden-Demo wurde ja über Herrn Jesse gewettert, für mich (links und Powistudentin) unverständlich. Ich hab da einige Verständnisprobleme, vielleicht könnt ihr mir weiterhelfen, es interessiert mich wirklich, ob mir jemand braunes Zeug eintrichtert…

    1) Ihr werft einseitige Ideologie vor, eure ist aber auch einseitig.

    2) Die Professur für Theorien und Ideengeschichte gibt wenig Infos über ihre Person und wird ausgelassen? Nun, zumindest Herr Abel (den ich als Dozent sehr schätze, missversteht mich bitte nicht) engagiert sich doch eindeutig links – wie zum Bsp. die aktuelle Verlinkung auf seiner Seite der TU zeigt. Herr Lothar Fritze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hannah-Arendt-Stiftung.

    3) Die Dozenten der internationalen Politik und der Systeme und Institutionen arbeiten mit CDU/CSU-nahen Stiftungen zusammen. Ist das ein Verbrechen? oder irgendwie verfassungsfeindlich? Ich bin auch nicht konservativ, aber tolerant genug, andere Leute so denken zu lassen – immerhin etwa 40% der bevölkerung.

    4) Wieso ist der Veldensteiner Kreis rechts?

    5) Jesses Extremismusforschung relativiert die Unterschiede zwischen Faschismus und Kommunismus? Nur weil er Gemeinsamkeiten nennt, leugnet er doch keine Unterschiede.

    6) Wer Herrn Jesse auch mal zuhört, wird merken, dass er durchaus ein Gegner der NPD und entsprechendem Gedankengutes ist. Sein Weg, die Argumentation und Disskusion mit ihnen zu suchen, ist wahrscheinlich wirksamer als „Mit denen rede ich nich und denen hör ich auch nicht zu“-Gehabe anderer Parteien.

    Das soll kein Schlechtmachen eurerseits sein. Seht es eher als Diskussionsbeginn. Ich finde euer Projekt gut und würde mich ärgern, wenn es durch populistische Stimmungsmache geschädigt würde.

  3. 3 peter l.e. 30. Oktober 2007 um 20:44 Uhr

    Hallo, zweiflerin,
    Ich bin fast überzeugt, dass der Vortrag/die Diskussion nicht unwissenschaftlich wird.
    Bisher wurden immer nur unspezifische Vorwürfe in Flyer-Umfang gegen hr. Jesse vorgebracht. Ich hoffe dass sich das morgen ändern wird.
    Mit meinem Blick eines aussenstehende, nicht powi-studenten, konnte ich jedoch bereits Einzelnes feststellen. Bei der Bürgerrechtler-ringvorlesung bspw., bei der ehem sächsische DDR-Bürgerrechtler zu Wort kamen, konnte ich mich des Eindrucks nicht ewrwehren, mit einer starken Einseitigkeit in der Auswahl der Redner_Innen konfrontiert zu sein. Aus eigenen Studien weiss ich, dass recht viele Bürgerrechtler für einen dritten Weg plädierten und sich die wenigsten zu einem neuen, schwarz-rot-goldenem Patriotismus zuwandten. Anders bei der Ringvorlesung: hier war es allein Gunda Röstel, die scharfe Worte gegen den neu erstarkten Patriotismus der Nachwendezeit fand, wobei Jesse daraufhin sagte, dass dies sehr kontrovers sei und „noch einmal diskutiert werden müsse“. Mit der darauf folgenden Patriotismus-Ringvorlesung verstärkte sich mein Eindruck, dass hr. Jesse unter dem Deckmantel einer pluralistischen Auswahl von Rednern, Andere für sich sprechen lässt.
    Dies wäre im Einzelfall zu verzeihen. Jedoch ist die Lage am chemnitzer Politik-institut zu offensichtlich parteiisch konservativ ausgerichtet, wobei mir bei der Ausschreibung der vierten Professur schon jetzt bange wird.

  4. 4 senfleben 30. Oktober 2007 um 20:48 Uhr

    Hallo, zweiflerin,
    deine Fragen sind in jedem Falle interessant. Wir würden uns daher freuen, wenn du morgen anwesend wärst. Ich bin fast überzeugt, dass der Vortrag/die Diskussion nicht unwissenschaftlich wird.
    Bisher wurden immer nur unspezifische Vorwürfe in Flyer-Umfang gegen hr. Jesse vorgebracht. Ich hoffe dass sich das morgen ändern wird.
    Mit meinem Blick eines aussenstehende, nicht powi-studenten, konnte ich jedoch bereits Einzelnes feststellen. Bei der Bürgerrechtler-ringvorlesung bspw., bei der ehem DDR-Bürgerrechtler zu Wort kamen, konnte ich mich des Eindrucks nicht ewrwehren, mit einer starken Einseitigkeit in der Auswahl der Redner_Innen konfrontiert zu sein. Aus eigenen Studien weiss ich, dass recht viele Bürgerrechtler für einen dritten Weg plädierten und sich die wenigsten zu einem neuen, schwarz-rot-goldenem Patriotismus zuwandten. Anders bei der Ringvorlesung: hier war es allein Gunda Röstel, die scharfe Worte gegen den neu erstarkten Patriotismus der Nachwendezeit fand, wobei Jesse daraufhin sagte, dass dies sehr kontrovers sei und „noch einmal diskutiert werden müsse“. Mit der darauf folgenden Patriotismus-Ringvorlesung verstärkte sich mein Eindruck, dass hr. Jesse unter dem Deckmantel einer pluralistischen Auswahl von Rednern, Andere für sich sprechen lässt.
    Dies wäre im Einzelfall zu verzeihen. Jedoch ist die Lage am chemnitzer Politik-institut zu offensichtlich parteeisch konservativ ausgerichtet, wobei mir bei der Ausschreibung der vierten Professur schon jetzt bange wird.

  5. 5 eckineckiseck 01. November 2007 um 9:36 Uhr

    aus: Freitag 12.02.2005
    Otto Köhler

    Rechtsaußenberater

    MASSNAHMEN GEGEN DIE NPD*Die CDU Sachsens lässt sich von einem Mann mit Schatten belehren

    Am Montagmorgen im Deutschlandfunk beim politischen Streitgespräch Kontrovers wurde die Moderatorin nur noch mit erhobener Stimme („Herr Jesse! Herr Jesse!“) des Mannes Herr, der immer wieder seine Gesprächspartner unterbrach und ein ums andere Mal verkündete: „Ich warne vor einem Verbotsantrag!“

    Kein Zweifel, der hochengagierte Professor Eckhard Jesse ist ein richtiger Mann für den Umgang mit Extremisten. Darum hat ihn jetzt Sachsens bedauernswerte CDU-Landtagsfraktion, die nicht recht weiß, wer in ihren Reihen noch zu ihr steht, zum Berater in Sachen NPD gemacht. Sachverständiger als er kann in Sachen Neonazismus so leicht keiner sein. Ein halbes Jahr nach dem Mauerfall war er mit dem Geschichtsrevisionisten Rainer Zitelmann und seinem Freund Uwe Backes aus den Schatten der Vergangenheit herausgetreten, um Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus zu geben. So hieß mit Titel und Untertitel ein Sammelband, in dem sich – mit wenigen Ausnahmen – zusammenfand, was zusammengehörte: die Crème der Neuen Rechten, angeführt von Rainer Zitelmann, der damals als Ullstein-Cheflektor solange ein Rechtsaußen-Verlagsprogramm machte, bis er nach dem Protest angesehener Historiker gehen musste.

    Jesses Part in dem Erneuerungsunternehmen war es, den Leuten eine ganz besondere Angst zu nehmen: „Die Angst, man könne als Antisemit abgestempelt werden, erscheint geradezu übermächtig“, schrieb er in Schatten der Vergangenheit und beklagte eine „vielfach privilegierte jüdische Position in der Bundesrepublik“. Auch anderswo: Wer „auf den starken jüdischen Einfluss in den USA verweist“, sei „noch längst kein Sympathisant des Antisemitismus“. Oder andersherum: Antisemiten sind die eigentlichen Freunde der Juden, denn, so Extremismusforscher Jesse: „Jüdische Organisationen brauchen Antisemitismus in einer gewissen Größenordnung, um für ihre Anliegen Gehör zu finden …“ Darum bedauerte er damals die „hysterische Reaktion“ auf jenen Bürgermeister von Korschenbroich (Graf Speer-Mirbach), der – „unvernünftigerweise“ – sagte, man müsse zum Ausgleich des Gemeindehaushalts „schon einige reiche Juden erschlagen“.

    Mit dem „Schlagetot-Begriff ›Antisemit‹“ werde – so empfand Jesse es, und so wird er es heute auch der Dresdner CDU-Fraktion erklären können – der „Popanz eines gefährlichen Rechtsextremismus“ aufgebaut. Jesse freute sich damals aber auch, dass hierzulande doch „der jüdischen Einfluss nicht allmächtig ist“. Das bewies ihm Reagans Händehalten mit Kohl auf dem SS-Friedhof von Bitburg.

    So geschah es dann auch, dass Jesse – in Trier als schlichter Dozent schon etwas ins Alter gekommen – endlich einen der von Ossis gesäuberten Lehrstühle übernehmen konnte, an der Technischen Universität in Chemnitz. Der leidenschaftliche Gegner des von ihm angeprangerten Anti-Antisemitismus wurde dort ein ordentlicher Professor für Politikwissenschaft. Sein Freund Backes – vorher einfacher Akademischer Rat in Bayreuth – wurde zum Professor an der Dresdner Universität gemacht. Und übernahm die stellvertretende Leitung des Hannah-Arendt-Instituts (zum damaligen Streit am Institut um einen Artikel gegen den Hitler-Attentäter Elser, im Zuge dessen Backes den Institutsleiter verdrängte, siehe Freitag 04/2000).

    Sichtlich ruht der Segen des Verfassungsschutzes auf dem Freundespaar Backes und Jesse. Regelmäßiger Mitarbeiter ihres Jahrbuchs Extremismus & Demokratie ist seit langem Armin Pfahl-Traughber, über den sie stolz verbreiten, er sei „im Amt für Verfassungsschutz tätig“. Und der inzwischen pensionierte Verfassungsschutzpräsident Peter Frisch, der sich im Elser-Streit für Backes energisch eingeschaltet hatte, arbeitet gleichfalls fleißig mit.

    Aber auch der Neue versagt nicht seine Gunst. Letzte Woche erschien der 16. Band von Extremismus & Demokratie (Nomos-Verlag). Frisch-Nachfolger Heinz Fromm antwortet da auf eine von Backes und Jesse gestellte Interview-Frage, was er von der Beobachtung der „Neuen Rechten“ durch den nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz halte. Fromm druckst herum, kann aber auf einen anderen Verdruss eine gute Antwort finden. Backes und Jesse beschweren sich, dass in der Bundesrepublik „seit den 1970er Jahren keine inländischen linksextremistischen Vereinigungen mehr verboten“ würden, „hingegen zahlreiche rechtsextremistische“. Wo bleibe da, wollen sie wissen, „das Prinzip der Verhältnismäßigkeit der Mittel“?

    Frisch-Nachfolger Fromm bedauert sehr: „Vereinsverbote werden vom Bundesinnenminister oder den Länderinnenministern verfügt“. Dem Verfassungsschutz stehe es nicht zu, deren Entscheidungen zu bewerten. Immerhin er tut, was er kann. Die VVN, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, hat einen festen Platz in seinem Bericht über verfassungswidrige Organisationen.

    Und Eckhardt Jesse wird die CDU in Dresden richtig beraten. Sein Jahrbuch weiß auf Seite 154: „… eine Gefahr für die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland war die NPD auch vor dem Verbotsverfahren nicht. Daher dürfte ein erneuter Versuch unterbleiben. Das ist gut so!“

  6. 6 eckineckiseck2 01. November 2007 um 9:40 Uhr

    aus: haGalil.com (http://www.klick-nach-rechts.de/gegen-rechts/2002/01/totalitarismus.htm)

    Keine Chance gegen Rechts?
    Die Gesellschaft der unendlichen Mitte

    In einem Punkt der Regierungspolitik gleichen sich die aktuelle Rot-Grüne Bundesregierung und ihre rechts-konservativen Vorgänger: Im Versagen bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus und Nazismus.

    Die Gründe dafür liegen weniger in der Unfähigkeit der einzelnen Regierungen, sondern in dem was sie eint, nämlich in der identischen Ideologie des Totalitarismus. Wird staatlicherseits vom Engagement gegen Rechts fabuliert, so folgt häufig genug der Fingerzeig, man solle aber nicht den Linksextremismus vergesse, dieser sei mindestens ebenso gefährlich wie die Nazis. So kommt es, dass Nachrichtendienste und Polizeibehörden heute immer noch mehr dem „Gespenst des Linksextremismus“ hinterher jagen und oft genug im Antifaschismus die eigentliche Gefahr für die bürgerliche Demokratie wittern.

    Kurze Geschichte des Totalitarismus-Begriffs

    Kreiert wurde er durch italienische Antifaschisten, die in den zwanziger Jahren die faschistische Ideologie als totalitär bezeichneten. Die italienischen Schwarzhemden übernahmen den Begriff für sich und besetzten ihn positiv. Die Errichtung des „totalitären Staates wurde sich auf die Fahnen geschrieben. Und gleichzeitig der Faschismus als „Rechtsbolschewismus“, beziehungsweise der Kommunismus als „Linksfaschismus“ bezeichnet. Eine Einebnung der politischen Gegensätze ist jedoch reine Ideologie, die im Übrigen auch von der deutschen Sozialdemokratie übernommen wurde und sich in Abwandlung auch in der „Sozialfaschismusthese“ der KPD wiederfindet.

    Diese kurze Darstellung zeigt, dass der Totalitarismusbegriff, mit seinen verschiedenen Spielarten, in den zwanziger und dreißiger Jahren ausschließlich als politischer Kampfbegriff benutzt wurde. Verlor der Begriff durch das alliierte Bündnis gegen NS-Deutschland an Bedeutung, so tauchte er mit Anbruch des Kalten Krieges und des Gründung der Bundesrepublik wieder aus der Versenkung auf. Der Aufbau Westdeutschland als Frontstaat gegen die Wahrschauer Vertragsstaaten, und speziell gegen die DDR, war auf das Innigste kompatibel mit dem Wunsch der meisten Deutschen ihre mörderische Vergangenheit zu verdrängen. Auch wenn formal im Westen Deutschlands ein bürgerlich-demokratisches System etabliert wurde, an der Affinität der Gesellschaft zum nationalsozialistischen (Un-)Wertekanon änderte sich wenig.

    Die scheinbare Lehre aus dem Scheitern der Weimarer Republik war, sich gegen die „Feinde der Demokratie“ von Links und Rechts abzugrenzen und damit sich selbst als die neutrale bürgerliche Mitte zu definieren. In der Bundesrepublik erhielt „die Totalitarismusdoktrin den Charakter einer Staatsideologie“ (Wippermann), die ihren praktischen Ausdruck in den Parteiverboten der nazistischen Sozialistischen Reichspartei (SRP) und der KPD fand.

    Die Praxis der Totalitarismusdoktrin

    Wurde die Unhaltbarkeit der sogenannten Totalitarismustheorie in der Forschung über den Nationalsozialismus in den 70er und 80 er Jahren sehr wohl erkannt, so erlebte sie in Folge des „Historikerstreits“ eine Art Renaissance. Extremismusforscher, wie Eckhard Jesse, Manfred Funke und Uwe Backes, die allesamt dem „neurechten“ Spektrum zugeordnet werden können, gelten bis heute als Autoritäten. Dabei stört auch nicht, dass Jesse und Backes 1990 gemeinsam mit Rainer Zittelmann im Sammelband „Schatten der Vergangenheit“ publizierten.

    Jesse fordert in diesem Sammelband beispielsweise ein Ende der „selbstquälerischen Form der Vergangenheitsbewältigung“ (zit. nach AIB Nr. 51). Und Uwe Backes, 1999 stellvertretender Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, verteidigte gar einen Aufsatz in welchem dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus die Legitimität abgesprochen wurde. Das führte in der Folge dazu, dass sich Saul Friedländer und andere aus dem Kuratorium des Instituts zurückzogen. Dennoch werden die Schriften von Jesse und Backes bis heute von der Bundeszentrale für politische Bildung vertrieben.

    Hans-Helmut Knütter prägte über Jahre die Arbeit der „Bundeszentrale für politische Bildung“ und schrieb 1990 in der Schriftenreihe de Bundesinnenministeriums „Texte zur inneren Sicherheit“: „Die Aufdeckung der kommunistischen Untaten legt es nahe, nationalsozialistische Taten zu relativieren und eben nicht als einmalig und unvergleichbar erscheinen zu lassen.“ So betreibt man im Sinne eines Ernst Nolte die Enttabuisierung des Nationalsozialismus.

    Gleichzeitig attackierte Knütter stets antifaschistische Grundhaltungen. So in seinem Buch „Die Faschismus-Keule“. Er spricht einem Antifaschismus der Linken die Daseinsberechtigung ab und diffamiert diesen als „politischen Kampfbegriff“ der Linken. Schon den Begriff „Antifaschismus“ will er ersetzen durch „Anti-Totalitarismus“, womit er implizit die Gleichsetzung von links und rechts vollzieht. Hier trifft er sich auch wieder mit Backes und Jesse, welche fordern: „Schlagworte wie ‚Antifaschismus’ … im politischen Tageskampf den Extremisten zu überlassen.“

    Professor Knütter geriet mit seinen Positionen nach und nach in die öffentliche Kritik und die Frankfurter Rundschau konstatierte in einem Artikel vom 10.November 1993, dass Knütter in einem seiner Bücher „rechtsextremistische Positionen“ vertrete. Auch wenn der rechte Professor heute im wissenschaftlichen Abseits steht, so haben doch seine Positionen im staatlichen Apparat von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ bis hin zum Verfassungsschutz weiterhin bestand und werden von Autoren wie dem Verfassungsschutzmitarbeiter Dr. phil Armin Pfahl-Traugber weiterhin in ähnlicher Form kolportiert. Sie bilden so die Grundlage eines staatlichen Agierens gegen rechts, dass stets lieber erst mal nach links schaut.

  7. 7 zweiflerin 01. November 2007 um 18:19 Uhr

    Ausschreibung der vierten Professur? Was ist da geplant? Davon hab ich noch gar nix gehört.
    Nun einseitige Redner sind natürlich nicht wünschenswert, da es sicher interessanter ist sich verschiedene Meinungen anzuhören. Allerdings hatte ich bei keinen der genannten Dozenten je das gefühl, dass ihre Vorlesungen etc. politisch gefärbt waren oder mich beeinflußen sollten oder dass die Dozenten mich aufgrund anderer Meinung schlecht behandelt hätten.
    Wie ist die Diskussion gelaufen? ich hatte nicht vor mit meiner Meinung allein gegen alle zu reden, und war dementsprechend nicht da.
    Aber: warum lädt man Herrn Jesse, Frau Neuss etc. nicht einmal zu einem Forum ein? Und führt die Diskussion weniger einseitig? Ersties warnen… also bitte!

  8. 8 an die zweiflerin 02. November 2007 um 11:44 Uhr

    hey zweiflerin…

    schade das du nicht beim vortrag warst, um dir ein objektiveres bild vom gesagten zu verschaffen. du hättest ja nicht gegen den rest diskutieren müssen, sondern es hätte erstmal gereciht, wenn du dir die meinungen der referentinnen angehört hättest. jetzt im nachhinein ist es natürlich schwierig dir zu erklären, wie der vortrag war und was gesagt wurde. auf jeden fall wurden einige versuche unternommen, jesses politischen background zu beleuchten, text von ihm, die in der öffentlichen diskussion kaum eine rolle spielen, personen mit denen er publiziert und seine thematische nähe zur neuen rechten. wenn dir all das an der uni und in den vorlesungen nie aufgefallen ist, tut mir das persönlich leid und ist doch auch ein zeichen dafür, mit welch offenem blick du durch die welt gehst. warum jesse und co. nicht eingeladen wurdenlässt sich auch leicht beanworten. die referentinnen sprachen davon, dass dieser vortrag der start einer diskussionsreihe zu den professorinnen der tu-chemnitz sein sollte. der jesse-abend war demzufolge mehr so etwas wie ein warm-up und da sollte nicht gleich in die vollen gegangen werden. aber ich denke, dass die veranstalterinnen bei einer der nächsten vorträge auch ein paar einladungen in der lehrstuhl der powi schicken werden.
    achso und zum thema politische färbung der vorlesungsreihen, lese doch mal den kommentar von senfleben oder den freitag-artikel von eckineckiseck… ansonsten viel spass beim weiterzweifeln, wird sich wohl sowieso nicht ändern, solang du runden wie am mittwoch nicht besuchst und hier dann fragen stellst…

  9. 9 Zweiflerin 07. November 2007 um 20:33 Uhr

    die texte konnte ich erst lesen, nachdem ich den letzten kommentar gepostet habe, die hats vorher nich angezeigt, sorry.
    ich sag ja auch nicht, es is alles prima, ich sagte ja nur mir fehlen die fakten. die sachen in den artikeln sind durchaus durchdenkenswert, die antisemitischen aussagen im ersten text sind arg.
    ich bin aber nich gut in öffentlichen großen diskussionsrunden, das liegt mir nich. versuche aber mich in verschiedenen medien zu informieren, da ihr – sorry – ebenso politisch gefärbt seid in eurer darstellung. da ich aber immer mehr merke, wie wichtig dieses thema is und wie heiß es diskutiert wird, versuche ich in sämtlichen quellen mehr davon zu erfahren. noch passen die verschiedenen eindrücke in meinem kopf nicht zusammen – denn ich gehe sehrwohl mit offenen augen durch die welt. sonst wäre mir das alles hier scheißegal und das ist es schließlich nicht.
    ich danke hiermit auch ausdrücklich den leuten, die die artikel hier gepostet haben!

  10. 10 Anonymous 10. Juli 2008 um 16:59 Uhr

    LIEBE ZWEIFLERIN,

    lieber weiter informieren und sich selbst ein Bild machen, als sich von den selbsternannten Moralaposteln ein Bild aufs Auge drücken zu lassen. Er wurde nicht eingeladen, weil das ein Warm up war? Er wurde nicht eingeladen, weil sie Gegenstimmen und Kritik nicht vertragt. Sie lesen nicht, sie ziehen irgendwelche Sätze raus und stellen sie zusammenhangslos hin. Das ist HOCH UNWISSENSCHAFTLICH.
    Aber, was soll’s, – mit der Wissenschaft haben sie eh nicht viel am Hut, sonst kämen ihre stereotypen Benchmarks aus einer anderen Richtung…
    Ich denke mal, sie würde MARX sogar ein Utopia in den Mund legen, das er so nie prognostiziert hat…
    Armes Wissen….

  11. 11 Anonymous 06. Mai 2009 um 12:01 Uhr

    Also,

    der Extremismusansatz von Jesse und Backes hat ein normatives Fundament: Demokratie und Menschenrecht. Dass dieses auch von links bedroht wird und wurde muss hier glaube ich nicht diskutiert werden. Vielleicht solltet ihr die Schriften mal genau lesen… . Das hilft !

  12. 12 Verteidiger 24. September 2009 um 16:37 Uhr

    Der Veldensteiner Kreis ist sowas von nicht rechts, dass sich allein dadurch dein Artikel diskreditiert. Wenn du dir schon die Arbeit machst, diesen Artikel zu schreiben, dann wär ein bisschen Recherchearbeit ruhig angebracht.

  1. 1 Offener Brief “Gegen jeden Extremismusbegriff.” « REITBAHNSTRASSE84 Pingback am 17. Mai 2008 um 15:09 Uhr
  2. 2 Duckhome Trackback am 30. November 2008 um 3:15 Uhr
  3. 3 Argumente gegen den Super-Gau(ck) « Der Trottelbot Pingback am 09. Juni 2010 um 10:20 Uhr
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