Wir waren Workshop-Akteure – Nachlese zum Reitbahnviertel-Workshop

Wie nennt man dieses Fleckchen Stadt Chemnitz, wo sich unsere Reitbahnstraße 84 befindet? „Reitbahnviertel!“, werden mittlerweile einige sagen. Kreiert wurde dieser Name erst vor ein paar Monaten von einem Planungsbüro aus Berlin/Halle. Dieser Teil ihrer Arbeit ging somit voll auf. Den Aktivisten_Innen der Reitbahnstraße 84 ging „Reitbahnviertel“ ebenso locker von der Zunge und wir wurden somit selbst zu einem wichtigen Multiplikator des für das Stadtplanungs- amt zu konzipierenden Bereiches zwischen DasTietz und Südbahnhof. Aber auch das Weltecho, das offiziell nicht mehr zu diesem Quartier zählt, wurde von dem Planungsbüro mit einbezogen. Denn an Akteuren mangelt es etwas im Revier, wobei das complizen Planungsbüro seit März 2007 vom Stadtplanungsamt hauptsächlich deswegen beauftragt wurde – um Stadtteilakteure zusammen zu führen. Deshalb erregte die Besetzung des „Kämpfers“ bei den Planern einiges Interesse. Kontakt wurde seitdem immer wieder miteinander hergestellt. Vor drei Wochen (14./15. September) lud man denn auch uns zum Workshop für das neue alte Reitbahnviertel ein. Mitarbeit bei der Ideenfindung und Konzipierung für das Viertel war gefragt. Warum? Weil das Quartier in den letzten Jahren stark verwaiste – trotz seiner innerstädtischen Lage und Nähe zur Universität. War daran ein kontrolliertes Leerziehen mittels Einzugsstopp daran schuld, um es – wie man nun sieht – großflächig zu sanieren? Oder wollte wirklich keiner mehr halb- bis unsaniert wohnen? Ein weiterer Punkt, der von dem Planungsbüro auf die Tagesordnung gesetzt wurde, war, ob das Reitbahnviertel sich zu einem Jugendstadtteil entwickeln könnte…

Das olle Jugendstadtteil-Argument

Die Jugendstadteilargumentation gab es schon einmal mit dem (verpassten) Brühlbelebungs- versuch und wurde in der hitzigen Zeit der Besetzung erneut aufgegriffen (u.a. um die Besetzung in der Öffentlichkeit zu verteidigen). Es bleibt beim Begriff Jugendstadtteil aber fraglich, was er zu bedeuten hat, weil der Anspruch „Jugend“ an ein Quartier zuviel und zu wenig zu gleich bedeuten kann. Jugendstadtteil klingt im ersten Moment ganz schön, darunter vorstellen mag sich jeder Jugendliche aber auch etwas anderes. Das junge Alter macht es natürlich noch längst nicht zu einem interessanten Stadtteil. Jugendliche können auch völlig passiv, langweilig und aggressiv sein. Andere Parameter wären besser angebracht, wie: Stadtteil mit Experimentcharakter zur Probe von alternativen Wohn- Arbeits- und Lebensstrategien. Andererseits ist in Chemnitz zu fragen, ob man überhaupt von einer Größenordnung wie einem Stadtteil sprechen sollte. Ein Karree, wie das um die Reitbahnstraße 84 oder auch andere Häuser in anderen Stadtgebieten, die für neuartige Nutzungsformen frei gemacht werden, wäre schön und allemal eine Bereicherung.

Die GGG hat sich zum Thema „Jugend im Stadtteil“ bereits Gedanken gemacht. Die Häuser rings um das „Kämpfer“- Gebäude wurden im letzten halben Jahr saniert und sollten eigentlich v.a. an Studenten abgehen. Bislang allerdings ziemlich vergeblich, maximal eine Handvoll Leute ist dort gerade mal eingezogen. Am Beispiel dieser von der GGG für Studenten ausgelegten Häuser schließen sich einige Fragen an, zum Beispiel, welche Vorstellung die GGG von Studenten hat. Das konkrete Angebot von 150 Euro pro Monat für ein WG-Zimmer in einer vollsanierten Wohnung ist recht günstig. Das entspricht ungefähr den Geldbeträgen, die die Bewohner des ehemaligen Kinderkaufhauses pro Monat berappen, aber völlig ohne Hausmeister- und Reparaturservice und die notwendige Sanierung von Elektro- und Wasserinstallationen wird selbst gemacht und gezahlt. „Selbst schuld“ kann man uns nachsagen und trotzdem ist unser Haus voll. Der Drive aus der „Kämpfer“-Besetzung hat uns die finanziellen Hürden, die der Vertrag mit der GGG mit sich bringt, überwinden sehen lassen… Die Selbstverwaltung des Hauses ist somit Trumpf – als Raum zur Selbstverwirklichung und Selbstinanspruchnahme – und, wegen dem finanziellen Druck, Belastung zugleich. Das Potential für nicht-konsumentielles Wohnen zeigen wir mit unserem Projekt auf. Die Wohnungsunternehmen und wohl die meisten privaten Vermieter der Stadt unterstützen und verstehen dieses aber nicht, entweder mangels praktischen Anschauungen vor Ort, wegen eingefahrenen Vorstellungen übers Wohnen, oder dem gegenseitig aufpeitschenden Sanierungsstand auf dem hiesigen Wohnungsmarkt, der ein Vermieten von unsanierten Wohnungen unrentabel werden lässt, oder… sollte man dann doch besser andersherum fragen? Nämlich, ob die Jugend in Chemnitz, ob hier geboren oder zugezogen, lieber in sanierten Häusern und etablierten Vierteln der Stadt wohnen will? Oder – eigentlich die wichtigere Frage, weil in der Regel ausgeklammert – wollen Jugendliche in Chemnitz lieber unkonventionelle Wohn- und Nutzungsformen ausprobieren, welche mit den Sanierungs- und wirtschaftlichen Wachstumsträumen der elterlichen Generation brechen – und sich nicht von einer verrußten Fassade abschrecken lassen. Das würde einfachen bis Sub-Standard bedeuten, der eine preiswerte Miete zulässt, zum Selbstausbau animieren soll – oder gar zum selbstverwalteten Wohnen? Holger Pethke vom Jugendamt stellt sich ähnliche Fragen und ist gespannt auf die Ergebnisse, die bei der Befragung Chemnitzer Jugendliche herauskommen, wo sie sich vorstellen könnten zu wohnen und auf welche Art und Weise. Der Jugendamtsleiter kam auch auf die Idee einer gemeinsamen Ausfahrt, zusammen mit dem Baukoordinierungs-, Stadtplanungs- und Denkmalsamt, nach Leipzig letzten Samstag (22.9.), um sich das, ebenfalls durch die Besetzung ins Gespräch gebrachte Wächterhauskonzept vom HausHalten e.V. vor Ort anzuschauen – und um es schließlich einmal in Chemnitz mitzutragen. Das allgemeine Wohl- wollen und die Begeisterung für die Wächterhausidee, aber auch für andere Projekte, wie die Stadtgärten auf Abrissflächen, war bei den Amtsvertretern zu spüren. Der nächste Schritt ist, Eigentümer und Nutzer für in Frage kommende Wächterhäuser zu finden. Die Frage nach potentiellen Nutzern von Wächterhäusern stellt sich in Leipzig nicht (es gibt Wartelisten). Noch gibt es in Chemnitz keine Wartelisten. Leider fand sich kein Vertreter der GGG in dieser samstäglichen Ausfahrtrunde. Es hätte derjenigen Person vor Augen geführt, dass unsanierte Häuser auch glückliche Mieter haben können und somit Sanierung oder Abriss nicht die Dauerantworten im Stadtumbau sein müssen.

Kungelei und Angst vorm Immobilienmarkt

Was nützen unsere Bestrebungen eine breite Öffentlichkeit für uns zu gewinnen? Das Projekt Reitbahnstraße 84 findet auf politischer und Verwaltungsebene Akzeptanz, aber Sicherheiten gibt uns das nur wenig. Beispielhaft war der Besuch eines Herren vor drei Wochen, der sich das Kaufangebot Reitbahnstraße 80-84 von der GGG eingeholt hatte und sich hier mal umschauen wollte („Da wären bloß ein paar Jugendliche zu Gange“ hätte man ihm mit auf den Weg gegeben). Ein anderes Problemfeld ist die zunehmende Sanierung rings um die Reitbahnstraße 84. Auf der Seite Fritz-Reuter-Straße des Karrees wird von einer Immobilienfirma demnächst mit der Sanierung begonnen. Das kann noch keine Gentrifizierung sein. So schnell geht der Wandel vom alternativen Eck, hin zum schicken Wohngebiet, in der Regel nicht. Wohl aber läuft es unserer Vorstellung, diese Häuser, in ihrem momentanen einfachen, aber ausreichenden Zustand, wieder dem Mietmarkt zu öffnen, entgegen. Das Karree Reitbahnstraße, Bernsbachplatz, Fritz-Reuter-Straße, Clara-Zetkin-Straße wurde vom Stadtplanungsamt als erhaltenswert eingestuft, ein dazugehöriger Stadtratsbeschluss wurde vorletzte Woche verabschiedet. Das heißt, Abriss ist uns erstmal kein Feind mehr, die Häuser bleiben im Stadtbild erhalten – wir auch? Im Moment können wir nur hoffen, dass die GGG keinen Käufer findet und gegebenenfalls allein unser Charme größer ist, als der verlockende Verkauf. Mehr Sicherheiten konnten wir – bisher – vertraglich nicht aushandeln.
Und noch einmal die Frage: Was hat uns die Mitarbeit beim Reitbahnviertel -Workshop genützt?
Dieser lief fernab von den oben genannten Horrorszenarien um unser Haus ab. Da wurde vorgeschlagen, die restlichen unsanierten Häuser im Viertel für Studenten und alternative Nutzungen wieder zu öffnen. Oder einen Abenteuerspielplatz auf einer Brache zu errichten, des Weiteren die Reitbahnstraße einseitig vom Autoverkehr zu beruhigen, sowie Sitzgelegenheiten zu schaffen. Fahrradwege wurden erträumt und anderes. Auch sehr schön ist die Idee der landwirtschaftlichen Nutzung auf innerstädtischen Brachflächen. Aber: Keiner der Teilnehmer weiß, was davon übrig bleiben wird. Planungswut und Ideenreichtum gaben sich die Hand. Ein sich verselbstständigender Planungsprozess kam in Gang, wo es leicht fiel zu vergessen, dass man all die schönen Vorschläge ja selbst gar nicht ausführen kann. Ideen und Handelnder waren zwei paar getrennte Schuhe. Es waren somit hauptsächlich Workshop-Akteure statt Stadtteil-Akteure am Start und wir waren alle somit weniger real projektierend als vielmehr in einem kleinen herben Rausch. An den Ergebnissen hatten schließlich auch mehr stadtteilexterne, sowie von berufswegen interessierte Leute (Stadtplaner, Architekten) ihren Anteil, denn richtige Bewohner_innen des Viertels. Ein/e Vertreter_in der GGG, die der Hauptvermieter im Gebiet ist,
fehlte zudem in der wichtigen Phase des Workshops, wo es wirklich einmal zum Dialog hätte kommen können, ob die individuellen Vorstellungen über Wohnen und Lebenskultur wirklich auseinanderdriften. Beziehungsweise, wo gegenseitiges Verständnis über wirtschaftliche und soziale Zwänge kurzzeitig zu Erkenntnisprozessen führen hätte können.
Dieser Text wird demnächst erweitert durch einen theoretischen Beitrag zur politischen und ökonomischen Eingebundenheit unseres Projekts…


1 Antwort auf “Wir waren Workshop-Akteure – Nachlese zum Reitbahnviertel-Workshop”


  1. 1 Tore Dobberstein 19. Oktober 2007 um 1:37 Uhr

    Tja, danke für den nachdenklichen Nachbericht vom Workshop!

    Als Workshoporganisator freue ich mich über die Aussage bezogen auf den „sich verselbständigenden Planungsprozess“ besonders. Auch ich hätte mir allerdings noch mehr Beteiligung aus dem Stadtteil selbst gewünscht.

    Wie und ob sich der Planungsprozess doch noch verselbstständigt, wird sich zeigen. Alle die sich dafür interessieren sind am 25.10. schon mal in die Annenschule zum Reitbahnforum geladen. Ab 17 Uhr werden dort auch die Workshopergebnisse besprochen, unter anderem mit der Baubürgermeisterin.

    Schöne Grüße
    Tore (vom im Posting erwähnten Planungsbüro)

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