Neues Deutschland, Samstag 15.09.07

Unser Haus
Über den Versuch junger Leute, sich im alternden Chemnitz einen Raum zu erorbern

Von Christina Matte

Das Wort »demografischer Wandel« muss man hierzulande niemandem mehr erklären. Eine Bedrohung geht von ihm aus: Deutschland vergreist. Was genau das bedeutet, wie es sein wird, in einem ergrauten Land zu leben, kann sich noch keiner wirklich vorstellen.
Szenarien gibt es viele: Alte, die verelenden, weil sie zu Wenige gezeugt, geboren, gehegt und gepflegt haben, die ihnen ein Auskommen geben könnten. Ausgeliefert einer Handvoll Junger, die in der Pflicht stehen, sie nun zu pflegen, oder – schlimmer – die Pflege verweigern. So die Angst derer, die vor Jahren jung in einem jungen Land waren, und deren Zeit sich zu neigen beginnt – nach einem gewiss arbeitsreichen, doch durchaus lustbetonten Leben.
Eine ganz anders geartete Angst: jung zu sein inmitten von Alten. Ein Lebensgefühl statt auf Anfang auf Ende. Als Minderheit existieren zu müssen. Demokratie liest sich plötzlich deprimierend: betagte Mehrheiten überall – im öffentlichen Raum, in den Parlamenten; einige können ja immer noch krauchen. Wenn sich die Mehrheit des Volkes allabendlich bei Karl Moiks Nachfolgern auf die Schenkel schlägt, ist Selbstbehauptung kaum noch möglich, von Spaß und Lust gar nicht zu reden …
Zukunftsbilder, Schreckensszenarien. Gut an ihnen ist nur eins: Sie haben uns aufgeschreckt. Deutschland ist, seit sie in der Welt sind, zu einem Versuchslabor geworden. Städte und Gemeinden erproben Modelle, wie Leben lebenswert bleiben könnte. Vor allem, so die Natur der Dinge, für die Mehrheit, für die Alten. Wohnungsgesellschaften gestalten ihre Areale um, in »altersgerechte« Anlagen, damit ihnen die Mieter erhalten bleiben. Die Politik beschwört, ziemlich spät und durchschaubar, die Generationengemeinschaft. Weshalb »Mehrgenerationenhäuser«, die das Motto haben, man hilft einander, den Argwohn erwecken, sie sollten noch schnell die Jugend ins Geschirr spannen …
Netter Versuch. Nicht mit Paul, Jette, Gesche, Nico und Werner. Sie sind nämlich zwischen 22 und 29 und nicht auf den Kopf gefallen. Sie gehören einem 25-köpfigen Verein an, der sich »Wiederbelebung kulturellen Brachlandes e.V.« nennt, und sie leben in Chemnitz. Seit kurzem wohnen sogar alle 25 zusammen, in einem Haus.
Es begann damit, dass einige von ihnen in einer Nacht- und Nebelaktion ein anderes Haus, ein bis dahin leerstehendes, im Chemnitzer Reitbahnviertel besetzten. Dieses Viertel liegt zwischen Stadtzentrum und Universität, also nicht schlecht für junge Leute. Die Besetzung endete gütlich: Das Haus wurde nicht geräumt. Bleiben durften sie dennoch nicht, wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse. Doch die Chemnitzer Grundstücks- und Gebäudewirtschafts-Gesellschaft, kurz GGG genannt, bot ihnen ein anderes Gebäude an, ebenfalls im Reitbahnviertel: ein ehemaliges Kinderkaufhaus, das eigentlich abgerissen werden sollte. Die jungen Leute griffen zu und zogen ein. Jetzt haben sie, was sie wollten: ein Haus für sich, weitab vom alternden Rest der Gesellschaft.
Der Wunsch, sich zu separieren, scheint ihnen dabei mehr als legitim. Denn wenn sich jemand heute schon einigermaßen vorstellen kann, wie es in wenigen Jahrzehnten überall im Land aussehen wird, dann sie: Gemessen an den Jahren ihrer Einwohner, ist Chemnitz die älteste Stadt Deutschlands. Was in diesem Fall nicht daran liegt, dass die Chemnitzer beziehungsweise Karl-Marx-Städter sich in den zurückliegenden Jahrzehnten ein lustiges Leben auf Malle gemacht und deshalb keine Kinder in die Welt gesetzt hätten (wie auch?), sondern daran, dass die Stadt, die zu DDR Zeiten Zentrum des Maschinenbaus und der Textilindustrie war, heute industriell und auch in anderer Hinsicht eine tote Stadt ist. Nicht attraktiv für junge Menschen, die keine Verlierer sein möchten. Die Uni sei auch nicht so »der Bringer«, erzählt Jette, die Europäische Geschichte studiert, jedenfalls nicht so, dass sie junge Leute scharenweise nach Chemnitz zöge. »Die meisten Studenten kommen aus der näheren Umgebung, donnerstagabends fahren sie nach Hause auf ihre Dörfer und kommen erst am Dienstag wieder. Nach dem Studium ziehen sie ganz aus der Gegend weg.« Aus Pauls Klasse hat sich schon nach dem Abi die Hälfte seiner ehemaligen Mitschüler verabschiedet. Patrick Pritscha ist fast der einzige aus seiner Abiturklasse, der in Chemnitz geblieben ist.
Pritscha gehört nicht zum Verein »Wiederbelebung kulturellen Brachlandes«, er arbeitet für DIE LINKE im Stadparlament, als Stadtrat für Stadtentwicklung. Aber er schaut öfter in der Reitbahnstraße 84 vorbei und kann ein paar Zahlen beisteuern: Die höchste Nachkriegsbevölkerung zählte Chemnitz 1981 mit 320 000 Bürgern. Seitdem sinkt die Einwohnerzahl. 1990 lag sie noch bei 300 000, 2007 war sie auf 243 000 gesungen. Von Anfang bis Mitte der 90er Jahre zogen jene jungen Menschen weg, die damals hätten Kinder kriegen müssen, welche jetzt wiederum in dem Alter wären, Chemnitz Nachwuchs zu bescheren. Ergo: »Uns fehlt eine ganze Generation.« So werde sich die Zahl der 15- bis 25 Jährigen in den nächsten acht Jahren halbieren: Sind es jetzt noch 28 000, werden es dann nur noch 14 000 sein. Über ein Viertel der Chemnitzer sei heute 65 und älter.
Wie sich das im Alltag anfühlt, davon erzählen Paul, Jette, Gesche, Nico und Werner. Auf dem Neumarkt soll das historische Pflaster herausgerissen werden, damit die Renter nicht mit ihren Krückstöcken hängen bleiben – für 108 000 Euro. Und um 19 Uhr würden die Bürgersteige hochgeklappt. »Von da an sind nur noch ein paar dunkle Gestalten unterwegs, die Stadt pennt. Wenn jemand nach 22 Uhr draußen noch was machen will, wird sofort die Polizei angerufen, wegen Ruhestörung«, sagt Nico. Er hat ein Beispiel, das er eine »Provinzposse« nennt: Beim Brauhausfest, das bis 22 Uhr genehmigt gewesen sei, habe der Veranstalter um eine dreiviertel Stunde überzogen, eine Band habe noch gespielt. »Da musste der 2000 Euro Strafe zahlen, der veranstaltet doch nie wieder was. Und bei der Gastronomie in der Innenstadt laufen auch immerzu Beschwerden auf.« In einem Punkt sind sie sich einig: Ältere Menschen haben ein Ruhebedürfnis. »Aber unsere Bedürfnisse sind andere, sie passen nicht dazu. Man braucht getrennte Orte. In Leipzig, Dresden, Hamburg, Berlin sind die ganze Nacht über Leute auf den Straßen, dort gibt es ganze Jugendstadtteile. Hier fällt die Jugend durch den Rost. Man kann einfach nicht akzeptieren, dass es junge Leute noch gibt.« Nun mag man einwenden, dass man ja auch einmal jung war und es damals vorzog, nächtens zu schlafen, um morgens wieder frisch zu sein. Doch da muss man sich wohl mit der Erklärung begnügen: Es war eine andere Zeit.
Das Reitbahnviertel zum Jugendstadtteil zu entwickeln, fänden die Vereinsmitglieder toll. Allein, sie glauben nicht, dass es gelingen könnte. Nicht in Chemnitz! »Dazu gibt es hier viel zu wenige Jugendliche. Und ob alle, die wir noch haben, hierherziehen wollen, wissen wir nicht: Das kann man ja nicht von oben verordnen«, meint Gesche. »Außerdem«, ergänzt Paul, »hat die GGG angefangen, Teile des Viertels zu sanieren. Wenn sie damit fertig ist, werden die Mieten dort nicht mehr jugendgemäß sein.«
Paul, Jette, Gesche, Nico und Werner ist der Spatz in der Hand im Augenblick wichtiger als die Taube auf dem Dach. Apropos Dach: Das Haus, das ihnen die GGG zur Verfügung stellte, ist »ziemlich schrottig« – sie müssen es von Grund auf renovieren. Sie sind Studenten, junge Facharbeiter, Handwerker, sogar ein Jurist ist dabei – es gibt vielerlei Talente. Dafür, dass
sie erst vor zehn Wochen eingezogen sind, haben sie schon viel geschafft. Zum Beispiel haben sie bereits einige Elektroleitungen neu verlegt, »damit wir Strom für ein bisschen Musik und Licht haben«. Auch die Wasserinstallation, »auf dem Standard der 50er Jahre«, konnten sie zum Teil schon auf Vordermann bringen: Auf jeder Etage gibt es jetzt ein funktionierendes Bad, die eine oder andere Küche ist eingerichtet.
Die Renovierungsarbeiten fressen Zeit und Geld, letzteres ist knapp. Der Verein trägt nicht nur die Kosten für die Instandsetzung, sondern zahlt auch 2000 Euro Betriebskosten. Ab November kommen dann noch 500 Euro Miete und die Kosten für Strom und Wasser dazu. Großverdiener ist keiner von ihnen. Sie halten es so: Jeder gibt, was er kann. Einer vielleicht 300 Euro, ein anderer, der sich noch in der Ausbildung befindet, vielleicht 80. Doch nicht nur, weil das Geld knapp ist – ein Fall für »Schöner Wohnen« wird die Reba 84 sicher nie. Paul, Jette, Gesche, Nico, Werner und die anderen sind aus Überzeugung Konsumverweigerer. Und so holen sie Obst und Gemüse, das nicht mehr ganz frisch ist, abends aus dem Bioladen, andere Lebensmittel aus der Tonne hinter dem »Kaisers-Markt« (»die schmeißen Sachen weg, die sind noch ganz prima«), tragen Kleidung auf, die man ihnen spendet (»coole Sachen sind dabei«) und richten sich mit Möbelstücken ein, die andere ausrangiert haben.
Einen gewissen Grundkonsens muss es geben, wenn 25 junge Leute zusammenziehen. Hier besteht er darin, »dass wir alle irgendwie links sind, wobei jeder ein bisschen was anderes darunter versteht«. Sie wollen keine normale WG sein, sondern gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Wie es der Vereinsname sagt, geht es ihnen dabei im weitesten Sinne um Kultur, genauer: um Subkultur. Die »etablierte Kultur« ist ihnen nicht gut genug oder zu teuer. Die Uni-Parties zum Beispiel finden Jette und Gesche öde: »Das ist nur Großraumdisco, einer legt auf, alle sind mega aufgestylt, es geht um sehen und gesehen werden.« Auch könne sich nicht jeder die Clubs, Bars und Kneipen in der Innenstadt leisten, von Kino ganz zu schweigen. Hier, in der Reba 84, machen sie Kultur selbst – auch für andere junge Leute, die sie in ihr »Stadtteilcafé« einladen.
Fast jeden Tag ist in der Reba 84 etwas los: eine musikalische Lesung, oder nur eine Lesung oder nur ein Konzert, ein Tischtennisturnier oder Kinderkino, eine Aftershowparty, ein Seminar, eine Diskussionsrunde oder eine Infoveranstaltung über die Burschenschaften in Chemnitz. Donnerstags öffnet die Volxküche, in der man sich für einen Euro satt essen kann, ein kleiner »Umsonstladen« existiert auch schon. Entstehen sollen demnächst eine Galerie, eine Bibliothek, ein Atelier und Büros. Mit all dem wollen sie erreichen, »dass Kultur weitab von finanzieller Verwertung von denen gestaltet wird, die sie nutzen«.
In Deutschland bewegt sich etwas. In Chemnitz ein wenig langsamer als anderswo. Die älteren Nachbarn beäugen die Reba-Gemeinschaft argwöhnisch. Wie schon die Fassade aussieht! Um die Fassadengestaltung will sich nun die GGG »kümmern«. Zankapfel sind die Graffitis, vor allem ein Motiv des weltweit bekannten britischen Graffitikünstlers Bansky. Sie sollen weg. Wenn nicht, behält sich die GGG »die außerordentliche Beendigung des Vertragsverhältnisses (…) ausdrücklich vor«. Man einigte sich auf den Kompromiss, dass der Verein ein Konzept zur Gestaltung der Außenwände erstellt und gemeinsam mit der GGG darüber abstimmt, welcher Art und von wem die Bilder und Graffitis sein werden. Ob die Reba-Bewohner das tatsächlich im geforderten Maße werden kontrollieren können, wird sich zeigen.
Auch die Chemnitzer CDU-Fraktion hat sich zu Wort gemeldet. Im Namen unzähliger »Chemnitzer Familien, die rechtschaffend ihrer Arbeit nachgehen oder von Arbeitslosigkeit geplagt sind«, beklagte sie den »Lebensstil der Jugendlichen, die im Schaufenster … ihre Betten aufgestellt haben«. Die rechtsextreme Szene steht ihr nicht nach. Per Flugblatt und Internet rief sie »alle furchtlosen, beherzten Mitbürger« auf, »ihren Unmut über diese Zustände bei den Behörden oder am besten gleich bei der GGG kund zu tun«.
Stadtrat Patrick Pritscha dagegen will die Idee eines ganzen Jugendstadtteils in Chemnitz nicht aufgeben. Man habe schon einmal versucht, solch einen Stadtteil zu installieren, auf dem Brühlboulevard. Der ist gescheitert. »Weil man nicht verstanden hat, dass man erst mal damit leben muss, dass eine Straße, bevor sie sich yuppiisiert, zehn bis fünfzehn Jahre wirklich jung sein dürfen muss, mit allem, was dazugehört.« Unter anderem gehöre dazu, »dass man einige Rahmenbedingungen außer Kraft setzt«. Dafür wirbt er.
»Unser Haus« haben Paul, Jette, Gesche, Nico, Werner und die anderen auf ein Schild neben dem Aufgang zu ihren Wohnungen geschrieben. Das klingt stolz. Und behütend. Wohnlich soll es werden, ihr Haus, lebendig wie ein Bienenstock, und sauber wollen sie es halten. Nicht selbstverständlich, wenn 25 junge Menschen unter einem Dach leben. Jede Wohnung eine kleine WG . Die einzelnen Zimmer Rückzugsräume – auch Privatsphäre muss es geben. Auch wenn die Betten in diesen Tagen oft leer stehen bis zum Morgengrauen.

http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=116252&IDC=27


1 Antwort auf “Neues Deutschland, Samstag 15.09.07”


  1. 1 matthias 31. Oktober 2007 um 14:00 Uhr

    „… Wie sich das im Alltag anfühlt, davon erzählen Paul, Jette, Gesche, Nico und Werner. Auf dem Neumarkt soll das historische Pflaster herausgerissen werden, damit die Renter nicht mit ihren Krückstöcken hängen bleiben – für 108 000 Euro. …“

    Aha.

    1. Das „historische Pflaster“ auf dem Chemnitzer Neumarkt wurde im Zuge der neuen Innenstadt verlegt. Was bedeutet, das wir hier von maximal 8 Jahren Bestand sprechen. Unglaublich was in unserer schnelllebigen Zeit heutzutage alles schon historisch ist.

    2. Das Pflaster auf dem Neumarkt soll nicht komplett abgebrochen werden, es sollen lediglich Wege errichtet werden auf denen man ohne lästiges Stolpern den Markt überqueren kann, was im übrigen nicht nur Rentnern mit Krückstöcken schwerfällt, sondern auch jugendlich, dynamischen Businessfrauen, die mit Ihren Absätzen hängen bleiben und auch jungen Eltern, die es durchaus nicht einfach haben mit einem Kinderwagen den Marktplatz zu überqueren.

    Sorry, kein wirkliches Argument um in die allgemeine Miesmacherstimmung der Überalterung einzustimmen.

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